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Braunkohle in Sekundär-Rohstoffe aufzubereiten, ist der Weg in den Strukturwandel

Ein Berliner Finanzinvestor, ein Wissenschaftler aus Potsdam und ein Unternehmer aus Schwerin starteten Pyrolyseprojekt / Proberaktor soll 2020 einsatzbereit sein

In Spremberg starteten jetzt die Ministerpräsidenten Dietmar Woidke (Brandenburg) und Michael Kretschmer (Sachsen) im Beisein von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier einen Prozess, „dass die Lausitz Industrie- und Energieregion bleiben muss". Woidke sagte, „die Menschen in der Lausitz und die Politik in Brandenburg wollen, dass zuerst Vorschläge entwickelt werden, die Chancen für eine nachhaltige wirtschaftliche Dynamik mit qualitativ hochwertiger Beschäftigung in den Braunkohleregionen eröffnet". Zudem müsse die sichere und bezahlbare Energieversorgung für den Industrie-standort Deutschland gewährleistet bleiben. „Erst wenn diese Voraussetzungen transparent und nachvollziehbar gegeben sind, kann über das Ende der Braunkohleverstromung entschieden werden."

Eine ganz neue Idee, wie der angedachte Strukturwandel einerseits zum „Schließen der Braunkohle" und andererseits zum „Einfach weiter so" unter einen Hut gebracht werden kann, entwickelt derzeit ein dreiköpfiges Konsortium. Beteiligt sind ein leistungsfähiger Berliner Finanzinvestor, ein Potsdamer Wissenschaftler und ein Schweriner Unternehmer. Gemeinsam haben sie Überlegungen angestellt, „einen Reaktor als Pilotprojekt zu bauen, mit dem man beweisen kann, dass dabei ein Braunkohlekoks entsteht, der dazu führt, dass bei der Verbrennung in Kraftwerken 50 bis 60 Prozent weniger CO2-Emmissionen entstehen". Und darüber hinaus auch Gase und Schweröl erzeugt beziehungsweise ins Gasnetz eingespeist werden können.

Der Finanzinvestor will namentlich noch nicht erwähnt werden, sagt aber: „Wir betrachten verschiedene Standorte und sind uns noch nicht sicher, wo wir den Reaktor aufstellen wollen. Wir denken entweder an die Region Cottbus oder an die Region Leuna. Weitere Gespräche in Nordrhein-Westfalen stehen noch aus. Auch da gibt es eine Möglichkeit." Er habe Mittel bereitgestellt, ohne auf staatliche Unterstützung angewiesen zu sein, einen Proberaktor zu bauen, der einen Durchlauf von 100 Kilogramm pro Stunde an vorgetrockneter Braunkohle haben soll." Wenn‘s gelingt, will der deutsche Geldgeber den Schritt nach Amerika wagen und es zusammen mit seinen Partnern dort vorstellen. „Ich hatte schon ein Gespräch im Innenministerium mit einem Unterstaatssekretär, der hochinteressiert daran ist. Ob sich die Klimapolitik unter Trump noch tendiert, ist nicht wesentlich, sondern dass die USA selbst genug Umweltgruppen haben, die so viel Druck ausüben, dass die gesamte Kohleindustrie in Amerika auch gefährdet ist."

Derzeit geht das Konsortium davon aus, dass die vollständige Anlage zwischen 2023 und 2024 betriebsbereit ist. „Wenn dann die Braunkohle nur noch sechs Jahre eine Perspektive hätte, dann ist es wirtschaftlich in Deutschland zumindest nicht mehr sinnvoll. In diesem Umfeld will ich es trotzdem vorbereiten. Interessanter Weise gibt es auch noch weitere Leute mit diesem Interesse. Ich habe zwei wohlhabende Leute in Deutschland angesprochen, die ebenfalls Interesse haben, hier zu investieren. Die nicht nur sehen, dass man damit auch Geld verdienen kann, sondern weil sie auch eine Verantwortung mit übernehmen wollen, um einen Standard bei CO2 zu erreichen, der den Klimazielen entspricht, die auch Deutschland unterschrieben hat. Auf der anderen Seite aber auch die Sicherheit gibt, dass wir alle bei auch verändertem Konsumentenverhalten, also siehe Elektroautos, trotzdem die Energiesicherheit haben."

Zuvor entwickeln der am Vorhaben beteiligte Wissenschaftler, Prof. Dr. Günther Krause, und der Unternehmer Philipp Hagemann einen Proberaktor, der im Jahr 2020 seinen Betrieb aufnehmen soll. „Wenn diese Pilotanlage sechs Monate einwandfrei gearbeitet hat, wollen wir mit China, den USA und RWE in Deutschland verhandeln, um diese Reaktoren in Serie produzieren zu lassen", heißt es. Für Krause hat der Strukturwandel in der Lausitz, der damit eingeleitet wird, hohe Priorität, „weil damit Beschäftigung weit über die Einstellung der Kohleverstromung hinaus möglich ist". In erster Linie aber entstehen aus der Kohle Koks, Öl, Gas und Wasser. Das Öl, sagt Krause, könnte beispielsweise von Cottbus nach Schwedt gehen; das Gas könnte in Cottbus ergänzend zum Erdgas eingespeist werden. Und der Koks wäre dann die Energiereserve, wenn zu wenig Wind- und Sonnenenergie da sind, um dann die Energie als Grundlast weiter zu liefern. „Das könnte man auslaufen lassen."

Zwei frühere Reaktoren in den neuen Bundesländern, die Krause wissenschaftlich begleitet hatte, dienen als Vorbild für das neue Vorhaben: „Der frühere Probereaktor in Schwerin wurde mit Klärschlamm betrieben, ein 500 Kilogramm Reaktor. Diese Maschine wurde dort jahrelang gefahren. Jetzt machen wir aber keine 500 Kilogramm-Anlage. Es reichen 100 Kilogramm." Ein weiteres Versuchsmodell existierte in Magdeburg, wurde aber inzwischen verkauft. 2010 stellte Krause dem damaligen Ministerpräsidenten Sachsen-Anhalts, Wolfgang Böhmer, die Anlage vor.

Der Investor hat sich das Ziel gestellt, aus eigener Kraft den Nachweis zu erbringen, dass mit Hilfe dieser Anlage der Strukturwandel in der Braunkohle gelingt – hin zu weniger CO2 aber auch zu weniger Schadstoffproduktion bei der Kohleverstromung. Mit dem Argument, die bestehenden Arbeitsplätze in der Lausitz zu sichern, räumt der Berliner Finanzinvestor kräftig auf: „Es ist eine Art weiße Salbe, dass man neue Jobs schafft. Die werden wahrscheinlich auch tatsächlich kommen, aber es werden nicht die Leute beschäftigt werden, die jetzt da sind. Das ist das große Problem, was ich sehe. Die Leute, die schon freigesetzt sind, die sind schon lange nicht mehr in der Lausitz, arbeiten irgendwo am Fließband in Baden-Württemberg. Es wird auch schwer werden, die Leute, die mit der Braunkohle relativ einfache Jobs haben, umzuschulen auf Dinge, die doch etwas gehobener sind."