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Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft vorantreiben

Aktuelles Gespräch mit Prof. Dr. Armin Willingmann (SPD), Minister für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung in Sachsen-Anhalt

mdw: Herr Minister, beginnen wir unser Gespräch mit einem großen Erfolg, der in diesem Jahr in Sachsen-Anhalt gebührend gefeiert werden wird: Die „Straße der Romanik" wurde 1993, also vor einem Vierteljahrhundert, durch den damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker eingeweiht. Wie hat sich das bedeutendste Kulturprojekt des Landes für Sachsen-Anhalt bisher entwickelt? Und wie verbindet dieses Tourismus-Netzwerk Kultur und Wirtschaft miteinander?

 
Armin Willingmann: Die Straße der Romanik zählt mit 1,5 Millionen Touristen pro Jahr inzwischen zu den beliebtesten Reiserouten in Deutschland, das ist wahrlich ein großartiger Erfolg. Anhand der Route mit seinen 88 Bauwerken in 73 Städten lässt sich einmal mehr verdeutlichen, dass Sachsen-Anhalt reich an kulturellen Schätzen ist und auf sein historisches Erbe sehr stolz sein kann. Hinzu kommt: Wir sind das Land mit der größten Dichte an Welterbe-Kulturstätten. Mit der Aufnahme des Naumburger Domes, die ja nun unmittelbar bevorsteht, wird sich diese noch einmal erhöhen. Viermal Weltkulturerbe allein in Sachsen-Anhalt, das ist schon etwas Großartiges. Und davon profitiert eben auch ganz erheblich die Tourismuswirtschaft in unserem Land.

 
mdw: Schon im nächsten Jahr steht mit dem 100. Gründungsjubiläum des Bauhauses ein weiterer wichtiger Höhepunkt für Thüringen und Sachsen-Anhalt an. Auch hier sind Kultur, Architektur und Wirtschaft eng verzahnt. Noch heute werden beispielsweise in der Altmark-Stadt Stendal Stahlrohrmöbel von Weltruf in Bauhaus-Tradition mit modernen Mitteln hergestellt. Ein Glücksfall für Sachsen-Anhalt?

 
Armin Willingmann: Wir konnten im vergangenen Jahr 500 Jahre Reformation feiern, in diesem Jahr steht das Jubiläum der Straße der Romanik an, und 2019 werden wir das Jubiläum „100 Jahre Bauhaus" begehen – das ist schon eine hohe Dichte besonderer Ereignisse, um die man uns in anderen Bundesländern beneidet. Mit dem Bauhaus in Dessau, aber auch mit den vielfältigen Zeugnissen der Moderne in allen Landesteilen, werden wir diesmal sicher viele Architekturinteressierte und Kulturreisende aus dem In- und Ausland begeistern können.

Wir haben hier die Chance, uns als Land der Moderne zu präsentieren. Historisch betrachtet, entstanden viele bahnbrechende Erfindungen und Entwicklungen des 20. Jahrhunderts bei uns im Land, nicht nur die bekannten Stahlrohrmöbel, die bis heute in Stendal gefertigt werden. So war beispielsweise der Stickstoffdünger aus Piesteritz eine Grundlage für die moderne Landwirtschaft, und mit Leichtmetall aus Bitterfeld begann Hugo Junkers die Ära der zivilen Luftfahrt. An diese Erfinder-Tradition wollen wir auch mit Blick auf die heutige wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes anknüpfen, denn eine wichtige Basis für Wirtschaftswachstum sind Innovationen. Und deren Generierung werden wir in den kommenden Jahren verstärkt fördern.

mdw: Sie sind seit bald anderthalb Jahren oberster politischer Wirtschaftslenker in Sachsen-Anhalt und haben sich für 2018 vorgenommen, Wirtschaft und Wissenschaft enger zu verzahnen und aus den Großstädten des Landes Magdeburg und Halle starke wissenschaftliche Zentren zu machen. Wie stellen Sie sich eine solche Kooperation vor? Auf welche regionalen Schwerpunkte heben Sie ab?

 
Armin Willingmann: Naja, der oberste „Wirtschaftslenker", das waren möglicherweise Wirtschaftsminister aus Zeiten vor 1989, also in einer Planwirtschaft. Ich meine eher, dass der Wirtschaftsminister des Landes Sachsen-Anhalt wie auch seine Kollegen in allen anderen Bundesländern vielfältige Aufgaben hat, darunter beispielsweise die als eine Art Türöffner, wenn es um Auslandskontakte unserer Unternehmen geht. In jedem Falle ist er aber jemand, der die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft gestalten muss.

Und wenn es um die Rahmenbedingungen geht, gibt es bei uns im Lande einige Stellschrauben, die man bedienen kann. Bekannt ist, dass Sachsen-Anhalt eine extrem kleinteilige Wirtschaft mit wenig forschenden Unternehmen hat. Eine wichtige Rolle spielen deshalb unsere exzellenten Wissenschaftseinrichtungen, Universitäten, Hochschulen, Fraunhofer-/Leibniz-Forschungseinrichtungen. Mit ihrer Hilfe kann es den Unternehmen gelingen, innovative Produkte und Geschäftsmodelle zu entwickeln. Schon heute substituieren die Einrichtungen im Grunde das, was anderenorts in den Unternehmen selbst an wissenschaftlicher Leistung erbracht wird.

Deshalb möchten wir die Verzahnung von Wirtschaft und Wissenschaft weiter vorantreiben, in dem wir intensiv Geld insbesondere in die Forschungsstruktur investieren. Das sind allein in den nächsten zwei Jahren über 150 Millionen Euro. Weitere 111 Millionen Euro stellen wir außerdem für konkrete Forschungsprojekte bereit, die Unternehmen alleine nicht ohne weiteres stemmen könnten. Das kommt dem Land und seiner Wirtschaft ganz entscheidend zugute.

Ein zweites Anliegen ist mir die Stärkung unserer Zentren. Wir haben zwei Großstädte, die man freilich noch nicht als Metropolen bezeichnen sollte. Es ist aber ganz auffällig, das Wirtschaftswachstum vor allem in Großräumen – eben Metropolen – generiert wird. Aufgrund ihrer Größe und bereits vorhandener Infra- wie Wirtschaftsstruktur haben es Großstädte einfacher, Gründer und Arbeitskräfte anzulocken oder Standortwettbewerbe um Ansiedlungen für sich zu entscheiden. Man kann auch schlicht sagen: Wo schon viel ist, wird auch weiteres hinkommen. Ein Beispiel dafür ist Leipzig, ein weiteres ist Dresden oder auch Jena.

Ich halte es deshalb für sinnvoll, dass wir unsere beiden Großstädte weiterentwickeln. Halle im Landessüden hat eine hervorragende Universität mit 20 000 Studenten und einem ausgeprägten naturwissenschaftlichen Profil. Zudem hat sich der dort aufgebaute Weinberg-Campus exzellent entwickelt, dort funktioniert das Miteinander von Wissenschaft und Wirtschaft bereits sehr gut. Gleiches gilt für die Verbindung mit Merseburg und der dortigen Hochschule für angewandte Wissenschaften. Die ganze Region steht zudem für Biotechnologie und Chemie. Und im Norden haben wir in Magdeburg großes Potenzial in den Bereichen Maschinenbau und Automobilindustrie. Hinzu kommt der sich stark entwickelnde Bereich der Medizintechnik. Hier müssen wir mit unserer Politik, mit unseren Fördermöglichkeiten anknüpfen und diese Stärken ausbauen.

Klar ist natürlich auch, dass wir dabei den ländlichen Raum nicht vernachlässigen dürfen. Immerhin werden zwei Drittel der Landesfläche landwirtschaftlich genutzt, leben mehr als 75 Prozent unserer Bevölkerung im ländlichen Raum. Deshalb müssen wir beispielsweise den Breitbandausbau sowie Infrastrukturprojekte wie den A-14-Lückenschluss weiter vorantreiben. Meine Kernthese aber lautet: Wenn wir nennenswertes Wachstum durch Innovation generieren wollen, müssen wir dort anknüpfen, wo wir bereits Stärken haben und Entwicklungschancen sehen. Dies ist im Umfeld unserer Wissenschaftseinrichtungen in Vernetzung mit der Wirtschaft möglich, mithin insbesondere im Raum Magdeburg und im Raum Halle/Leuna/Merseburg.

 
mdw: Welche weiteren Schwerpunkte in der wirtschaftlichen Entwicklung sehen Sie mittel- und langfristig für Sachsen-Anhalt?

 
Armin Willingmann: 28 Jahre nach der Wiedervereinigung rückt für die Existenzgründer-Generation der 90er Jahre der Ruhestand immer näher. Für uns ist es dabei von größter Bedeutung, dass die Übergaben etablierter Unternehmen an die nachfolgende Generation nicht an der Finanzierung scheitern. Denn andernfalls stehen sehr schnell Arbeitsplätze auf dem Spiel, die wir bei uns im Land brauchen. Im April 2017 haben wir deshalb den Startschuss für den neuen „Nachfolgefonds" im Volumen mit rund 260 Millionen Euro gegeben. Aus diesem Fonds werden Übernahmen mit sehr zinsgünstigen Darlehen zwischen 25 000 und 3 Millionen Euro unterstützt. Und die ersten 26 Darlehen sind bereits ausgereicht worden. Hier gehen wir neue Wege gerade im Sinne unserer kleinteiligen Wirtschaft.

Eine weitere wichtige Weichenstellung ist die Fortentwicklung der Gründerförderung. Es ist nicht ungewöhnlich, dass in Zeiten wachsenden Fachkräftebedarfs für viele Menschen ein ordentlich entlohntes Beschäftigungsverhältnis attraktiver erscheint als eine – mitunter risikobehaftete – Existenzgründung. Ein durchaus rationales Verhalten. Deshalb haben wir uns bereits im vergangenen Jahr dafür entschieden, potenzielle Gründer bei ihrer Entscheidung zum Unternehmertum noch mehr als bisher zu ermutigen und zu unterstützen. Und das tun wir seither mit dem Mittelstands- und Gründerdarlehensfonds (MuG). Er hat ein Volumen von 142,5 Millionen Euro, und der Start des Fonds war bereits erfreulich: Seit Aufnahme der Geschäftstätigkeit wurden bereits 111 Darlehen mit einer Gesamthöhe von 16,17 Millionen Euro ausgereicht.

Einen Schub haben wir im vergangenen Jahr auch dem Gründungsgeschehen im Handwerk versetzt. Denn Ende Juli konnten wir die Meistergründungsprämie einführen. Übrigens als nur eines von insgesamt sechs Bundesländern! Mit der Prämie werden Handwerksmeister gefördert, die in Sachsen-Anhalt ein Unternehmen gründen oder übernehmen. Sie bekommen von uns dabei 10 000 Euro, wenn sie selber 15 000 Euro investieren. Ziel ist auch hier, den Mut zur Selbstständigkeit zu honorieren – wohl wissend, dass auch daraus alsbald Wertschöpfung und neue Arbeitsplätze generiert werden. Und die Nachfrage nach diesem Programm ist ebenfalls beeindruckend. Bis zum Jahresende 2017 wurden so mehr als 50 Gründungen von Handwerksbetrieben gefördert – übrigens über das ganze Land und zahlreiche Branchen verteilt.

mdw: Die Digitalisierung ist für ganz Ostdeutschland fast ein Schlagwort geworden. Hier gilt: Jeder will schneller, höher und weiter. Müssen da nicht die deutschen Telekommunikationskonzerne noch stärker als bisher in die Pflicht genommen werden, sich zu engagieren, wenn eine flächendeckende Versorgung mit Breitbandtechnologien tatsächlich sichergestellt werden soll? Was kann eigentlich der Staat tun, dem einzelnen Unternehmer, der einzelnen Familie, zu helfen, deren Regionen bisher noch gar nicht digital erschlossen wurden, etwa aus technischen Gründen? Hat der in der Altmark gegründete Zweckverband Breitband Ihrer Einschätzung nach Zukunft?

 
Armin Willingmann: Die Bundesregierung hat 2013 erklärt, wir benötigen 50 Megabit in Privathaushalten, 100 Megabit in Unternehmen. Und das schaffen wir – so sagt es der Koalitionsvertrag der noch amtierenden Großen Koalition – bundesweit bis Ende 2018. Ähnlich optimistische Aussagen hat auch die Kenia-Koalition vor zwei Jahren getroffen und in Aussicht gestellt, sämtliche „weißen Flecken" im Lande zu beseitigen. Zum Stichtag 31. Dezember 2017 müssen wir jedoch feststellen, dass dieser Ausbaugrad bislang nur zu etwa 53 Prozent erreicht worden ist. Das heißt, ein Jahr vor Ende der Frist liegen wir weit ab von jeglicher Erfüllung des Ziels, die Bundesrepublik übrigens auch.

Ich ziehe daraus zwei Schlüsse: Politik sollte sehr nüchtern prüfen, welche Ziele sie sich selbst bei großen Infrastruktur-Projekten setzt, deren Realisierung ja vom Zusammenspiel zahlreicher Akteure abhängt. Und diese politischen Zielsetzungen sollten insbesondere auf rationaler Abwägung beruhen. Euphorie ist da ein schlechter Ratgeber, wie die bisherigen Zielsetzungen beim Breitbandausbau zeigen. Dennoch steht für mich aber auch weiterhin außer Frage: Wir benötigen schnellstmöglich ein vernünftiges, belastbares Hochgeschwindigkeitsnetz. Und fest steht auch: Dieses Ziel erreichen wir nur mit Finanzhilfen vonseiten des Bundes.

Sachsen-Anhalt alleine könnte sich den Ausbau sonst nicht leisten. Und auch ohne den privatwirtschaftlichen Ausbau durch Unternehmen wie Vodafone oder Telekom wäre der Ausbau für den Staat kaum zu finanzieren. Ich gehe deshalb davon aus, dass auch in Zukunft private Anbieter den Ausbau dort übernehmen, wo sich die Investitionen in den Breitbandausbau später durch Anschlussgebühren der Kunden refinanzieren lassen. In ländlichen Gebieten, in denen der Ausbau aufgrund der geringen Bevölkerungsdichte wenig lukrativ ist, wird der staatlich geförderte Ausbau weiterhin eine zentrale Rolle spielen und damit eben auch Fördermodelle wie der Zweckverband Breitband Altmark (ZBA).

Allein bis 2020 stellen wir nun rund 300 Millionen Euro an öffentlichen Mitteln für den Breitbandausbau bereit. Alle Landkreise und vereinzelt auch Gemeinden befinden sich inzwischen in den Breitbandförderverfahren oder haben Anträge auf Förderung gestellt. Insofern bin ich optimistisch, dass wir nun recht schnell deutliche Verbesserungen bei der Breitbandversorgung erreichen werden, zumal wir ja auch für die Folgejahre mit finanziellen Hilfen vonseiten des Bundes rechnen können.

Eine Bemerkung aber auch noch mal aus technischer Sicht: Dort, wo bereits Glasfaserkabel verlegt wurde, das bis zur Haustür reicht, liegt der Nutzungsgrad nach Auskunft von Anbietern sowie nach Untersuchungen unabhängiger Einrichtungen bei etwa 30 Prozent. Das heißt, wir haben im Moment zwar an mancher Stelle Breitband-Hochgeschwindigkeit, aber nur etwa ein Drittel Auslastung. Das ist unter Rentabilitätsgesichtspunkten schwierig.

Insofern müssen wir auch im Blick haben, wie teuer es für den Einzelnen wird, der so einen Breitbandanschluss bekommt. Denn er muss ja bedenken: Es nützt nichts, wenn ich das schnelle Internet bis zur Haustür erhalte – ich brauche es auch im Haus. Ich muss also in meinem eigenen Umfeld Geld in die Hand nehmen und Voraussetzungen dafür schaffen, dass Glasfaser nicht nur bis zum Haus, sondern auch im Haus, in den Wohnungen, Mieträumen genutzt werden kann. Das kann durch Umbaumaßnahmen erfolgen, das kann durch ein starkes W-LAN erfolgen, aber man muss etwas dafür tun.

Insofern werden wir auch akzeptieren müssen, dass es Menschen geben wird, die besonders hohe Bandbreiten eines Internetanschlusses nicht benötigen oder dies ablehnen, weil aus ihrer Sicht Preis und Leistung in keinem Verhältnis stehen. Das müssen wir akzeptieren, auch wenn wir alle davon ausgehen, dass in Zukunft die Nutzungsoptionen für schnelles Internet weiter wachsen werden. Aber ich warne davor, Glasfaser gleichsam als alleinige Zauberformel für jegliche Entwicklung anzusehen.

 
mdw: Jetzt mal Hand aufs Herz. Wie gut und erfolgreich regiert es sich für Sie in einer schwarz-rot-grünen Koalition? Glauben Sie am Erhalt der Kenia-Koalition in Sachsen-Anhalt bis zum Ende der laufenden Legislaturperiode?

 
Armin Willingmann: Das setzt guten Willen auf allen Seiten voraus. Und die Fähigkeit, die bis jetzt verabredeten Projekte gemeinsam umzusetzen. Wir müssen darauf achten, dass Absprachen, die wir beispielsweise mit Investoren treffen, auch einhalten. Es wäre nicht gut, wenn der Eindruck entstünde, dass wir in Sachsen-Anhalt zwar besonderes Problembewusstsein haben, aber nur wenig Lösungsphantasie. Wir müssen als Landesregierung schon verdeutlichen, dass auf uns Verlass ist. Wenn aber alle guten Willens sind – und daran zweifele ich nicht –, dann kann „Kenia" als Modell durchaus funktionieren. Ich erlebe im täglichen Miteinander in der Landesregierung an sehr vielen Stellen ein gutes Miteinander. Aber ich gebe zu, manches, was in jüngerer Vergangenheit nach außen bekannt geworden ist, vermittelt leider einen anderen Eindruck.

 
mdw: Die Energiewirtschaft hat in Ostdeutschland Tradition. Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt sind Länder, in denen es tausende Arbeitsplätze in der Kohleindustrie gibt. Was sagen Sie denen, die einen überstürzten Kohleausstieg fordern? Wie denken Sie überhaupt in Sachen Strukturwandel in der Industrie?

 
Armin Willingmann: Man sollte den Fokus nicht allein auf Klimaziele oder allein auf Arbeitsplätze richten. Wir haben in Sachsen-Anhalt rund 2 000 Arbeitsplätze, die unmittelbar mit der Braunkohle zusammenhängen und rund 8 000 Arbeitsplätze, die mittelbar betroffen sind durch Zulieferer, Dienstleistungen und Handwerk. Im Kenia-Koalitionsvertrag steht ein Ende der energetischen Braunkohlenutzung für 2035, dem Ende der Auskohlung von Profen. Das ist ein gutes Ziel, weil man einerseits dem Klimawandel Rechnung trägt, gleichzeitig aber auch genügend Zeit hat, um den Strukturwandel zu begleiten. Zugleich gibt es ja schließlich auch ein Bekenntnis zu Industriearbeitsplätzen. Unsere Aufgabe ist es also nun, Forschung zu fördern und auszuloten, welche Industrieansiedlungen angestrebt werden können. Potenzial gibt es beispielsweise im Bereich der chemischen Nutzung von Braunkohle. Hier könnten sich neue Geschäftsfelder und damit neue Beschäftigungsperspektiven entwickeln.

Wichtig ist natürlich auch: Auf keinen Fall jetzt überstürzt aussteigen. Die Menschen im Revier erwarten von uns, dass sie eine verlässliche Perspektive bekommen. Zugleich müssen wir aber deutlich machen, dass es über 2035 hinaus keine energetische Nutzung mehr geben soll. Bis dahin müssen wir ein vernünftiges Alternativkonzept entwickelt haben – übrigens gemeinsam mit den Unternehmen vor Ort.

mdw: Das heutige Russland gehört seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Wirtschaftspartnern Deutschlands. Landauf, landab stoßen die verhängten nationalen und internationalen Wirtschaftssanktionen auf den erbitterten Widerstand der Wirtschaft – auch in Sachsen-Anhalt. Nirgend woanders und nirgend wo besser als auf den jährlich stattfindenden Rohstoff-Konferenzen aber auch innerhalb der Tagungen des Petersburger Dialogs wird der gegenseitige Handel mit langer Tradition auf den Schild gehoben. Was tut die Landesregierung Sachsen-Anhalt, damit sich die einst guten wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland wieder voll entfalten können?

 
Armin Willingmann: Ich bin wie alle Wirtschaftsminister der Ansicht, dass man in der internationalen Politik idealerweise keine Sanktionen benötigt. Europa musste jedoch auf die Annektierung der Krim durch Russland und auf das Agieren Russlands in der Ostukraine seit 2014 in angemessener Weise reagieren, um nicht das Signal zu setzen, dass Verstöße gegen das Völkerrecht, internationale Abkommen oder die europäische Friedensordnung toleriert würden. Keine Reaktion wäre daher keine Lösung gewesen, eine militärische Antwort oder die Aufrüstung der Ukraine – wie von den USA unmittelbar nach Besetzung der Krim auch von Deutschland gefordert – ebenso wenig. Der ehemalige CDU-Spitzenpolitiker Friedrich Merz hat dies vor einigen Wochen in seinem vielbeachteten Vortrag beim Neujahrsempfang der IHK Magdeburg überzeugend dargelegt.

Und bei allem Verständnis für eine gewisse emotionale Nähe zu Russland, die ich bei manchem Gesprächspartner feststelle, es gibt einen ganz eindeutigen Befund: Der Austausch mit Russland funktioniert jenseits der EU seit verhängten Sanktionen beziehungsweise der russischen Gegenreaktion relativ komplikationslos. Es gibt weiterhin Wirtschaftsbeziehungen, insbesondere beim angesprochenen Rohstoffaustausch.

Hinzu kommt: Unsere Waren-Exportbeziehungen zu Russland werden häufig falsch eingeschätzt. Der Anteil der Gesamtexporte Sachsen-Anhalts nach Russland bewegte sich auch vor den Sanktionen zwischen zwei und drei Prozent. Ein nüchterner, objektiver Blick in die Statistik genügt, um festzustellen, dass es viele andere Länder gibt, mit denen wir erheblich mehr Austausch haben. Übrigens mit zahlreichen Ländern, die sich innerhalb der EU ebenfalls zu dieser internationalen Reaktion durch verschiedene Sanktionen bekannt haben.

Unser wichtigster Handelspartner innerhalb der EU ist beispielsweise Polen. Insgesamt wickeln wir über die Europäische Union fast 70 Prozent unseres Exports ab. Die Besonderheit der Russland-Sanktionen aus ostdeutscher Sicht liegt darin, dass deren Auswirkungen nicht die gesamte Wirtschaft treffen, sondern einzelne Unternehmen – etwa aus dem Maschinen- und Anlagenbau – besonders stark. Für diesen Fall habe ich schon früher eine Lösung angeregt, nämlich Sanktionsfolgen für einzelne Unternehmen nicht durch Verzicht auf internationale Handlungsfähigkeit abzumildern, sondern durch eine Härtefall-Regelung zum Ausgleich besonderer Lasten. Wo die politisch festgelegten Sanktionen für Einzelne existenzbedrohend sind, wäre es sinnvoll, durch entsprechende finanzielle Unterstützungsmaßnahmen – etwa aus EU-Mitteln – konkret zu helfen.

Aus meiner Sicht ist es einstweilen aber wichtig, gegenüber unseren europäischen Partnern verlässlich zu agieren und Lösungen des Russland-/Ukraine-Konflikts gemeinsam zu suchen. In diesem militärischen Konflikt haben nach OECD-Angaben seit 2014 mehr als 10 000 Menschen ihr Leben verloren; diese Situation muss ein Ende finden! Auch deshalb können wir nicht einfach aus den Sanktionen aussteigen – wie es gelegentlich gefordert wird.

Gleichwohl gilt natürlich auch, dass wir uns Russland zu gegebener Zeit wieder annähern müssen. Aber dafür bedarf es erster Schritte der russischen Seite, die im Ukraine-Konflikt Fakten geschaffen hat. Solche Schritte wurden etwa in den Abkommen von Minsk auch mit Russland verabredet. Und diese Abkommen hat Bundeskanzlerin Merkel bekanntlich maßgeblich mit ausgehandelt. Es gibt inzwischen erste Signale, insbesondere mit Blick auf die Ostukraine, etwa eine entmilitarisierte Zone unter UN-Überwachung. Das wäre ein erster Ansatz, um sukzessive Sanktionen zurückzufahren.

Bis es allerdings soweit ist, sollten wir in Europa eng und verlässlich zusammenstehen, Positionen abstimmen und auf Alleingänge verzichten. Diese internationale Verlässlichkeit der Bundesrepublik nutzt gerade auch unserer Wirtschaft – seit Jahrzehnten.

 

Mit Prof. Dr. Armin Willingmann sprach mdw-Chefredakteur André Wannewitz