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Welche Zukunft hat die ostdeutsche Braunkohle?

Der Konzern Vattenfall verkauft seine Braunkohle-Sparte. Zum 31. August 2016 sollte der tschechische Energieversorger EPH die Lausitzer Braunkohleaktivitäten in Brandenburg und Sachsen übernehmen. Die schwedische Regierung genehmigte den Deal. Doch nun dauert es noch etwas, weil die Zustimmung der EU aus Brüssel fehlt. Vattenfall beschäftigt in der Sparte rund 8 000 Menschen. Der Konzern geht davon aus, dass an der Lausitzer Braunkohle rund 16 000 weitere Arbeitsplätze bei Zulieferern hängen.

Was wird nun aus der traditionellen Braunkohle-Region im Osten Deutschlands? Und vor allem: Was wird aus den Menschen, die dort leben? mdw sucht Antworten. Gibt es welche?

Lassen wir zunächst die Emotionen beiseite und orientieren uns an den Fakten: Die tschechische Energie- und Industrieholding EPH hat den Zuschlag für die Übernahme der Braunkohlesparte von Vattenfall in Ostdeutschland erhalten. Die Tagebaue und Kraftwerke in Brandenburg und Sachsen werden auf einen Wert von 3,4 Milliarden Euro taxiert. In Deutschland ist der Investor aus dem Nachbarland noch relativ unbekannt.

Der Kopf hinter dem tschechischen Unternehmen heißt Daniel Kretinsky. Er ist erst 40 Jahre alt – und doch schon einer der reichsten Tschechen. EPH hat sich mit einem zahlungskräftigen Partner zusammengetan, der PPF-Gruppe des Multimilliardärs Petr Kellner. Nach einer Schätzung der Zeitschrift „Forbes" ist Kellner der reichste Tscheche. Er soll Berichten zufolge mit einer privaten Boeing 737 durch die Welt jetten.

Daniel Kretinsky investiert in ostdeutsche Braunkohle, weil er davon überzeugt ist, dass erneuerbare Energiequellen wie Wind, Solar und Biomasse die fossilen Träger Kohle, Gas und Atom noch lange nicht ersetzen können. Bis zum Ende der Übergangszeit jedenfalls lasse sich mit den alten Kraftwerken vielleicht noch gutes Geld verdienen, meint er.

Ob sich der Kauf der ostdeutschen Braunkohlensparte von Vattenfall für das tschechische Unternehmen nachhaltig positiv auswirkt, wissen die Götter. Zumindest haben bereits Finanzanalysten auf den hohen Schuldenstand von EPH hingewiesen. Bei einem Umsatz von knapp 3,7 Milliarden Euro 2014 lag der Gewinn vor Steuern und Abschreibungen bei fast 1,4 Milliarden Euro – die Schulden nach einer Schätzung der Zeitschrift „Ekonom" aber zugleich bei über fünf Milliarden Euro. Ein teilweiser Börsengang ist in Planung, um Geld in die Kassen zu spülen. Wie die Zeitung „Die Welt" schreibt, taucht der Name Kretinsky auch im Zusammenhang mit den Panama Papers auf. Dass ihm die Firma Wonderful Yacht Holdings auf den Britischen Jungferninseln gehört, bestreitet sein Sprecher nicht: „Ihr einziger Zweck ist der Besitz eines Katamarans."

Lausitz seit 100 Jahren Bergbaurevier

Die Lausitz ist seit 100 Jahren Bergbaurevier und hängt an der Braunkohle. Einzig diese sichert hier Wohlstand und Lebensqualität. Das Leben der Lausitz wird von der Kohle bestimmt: Zehntausende gut bezahlte Arbeitsplätze, zudem die soziale und kulturelle Infrastruktur. Ein schneller Ausstieg aus der Braunkohle ohne planbare Alternative macht die Lausitz zur sterbenden Region.

Der neue tschechische Eigentümer der ostdeutschen Braunkohlewerke EPH hat jedenfalls zugesichert, den bisher bei Vattenfall gültigen Tarifvertrag zu übernehmen. Bis Ende 2020 soll es zudem keine betriebsbedingten Entlassungen geben. Das freut natürlich nicht nur die in der Braunkohle tätigen Vattenfall-Beschäftigten, sondern auch die beiden Ministerpräsidenten von Brandenburg und Sachsen, Dietmar Woidke (SPD) und Stanislaw Tillich (CDU) sind erleichtert. Die Unsicherheit für die Kohlekumpel, ihre Angehörigen und die Beschäftigten der Zulieferbetriebe sei nun endlich vorbei, heißt es aus Potsdam und aus Dresden.

Tagebau-Erweiterungen mit EPH-Konzern möglich

Mehr noch: Der tschechische EPH-Konzern will in der Lausitz nicht nur die bestehenden Arbeitsplätze in der Braunkohle erhalten, sondern weitere Jobs schaffen. Vorstandsmitglied Jan Springl sprach in Cottbus von „mehreren Hundert" Beschäftigten, die derzeit noch in den Vattenfall-Zentralen in Berlin und Hamburg arbeiten. Mit der Übernahme von Vattenfalls Braunkohlesparte durch EPH würden auch diese Arbeitsplätze in den Verwaltungssitz nach Cottbus verlagert. In den Tagebauen, Kraftwerken und Veredlungsbetrieben in der Lausitz sowie im Kraftwerk Lippendorf bei Leipzig beschäftigt Vattenfall rund 8 000 Mitarbeiter.

Zu den ersten Maßnahmen nach dem Eigentümerwechsel soll die Entscheidung über die mögliche Erweiterung von Tagebauen gehören, wie die Sächsische Zeitung schreibt. „Wir wollen schnell eine klare und verantwortungsvolle Entscheidung treffen", kündigte Springl an. „Die Menschen im Revier brauchen Klarheit." Die Landesregierungen von Sachsen und Brandenburg hatten der Erweiterung der Tagebaue Nochten bzw. Welzow-Süd bereits zugestimmt, Vattenfall dann aber keine Entscheidung mehr getroffen.

Die Ausfuhr von Lausitzer Kohle nach Tschechien schloss der EPH-Vorstand aus. Es habe in einer Notsituation einmal Kohlelieferungen aus dem Leipziger Revier gegeben, wo den Tschechen bereits der Kohleförderer Mibrag gehört. Aber dies sei eine Ausnahme gewesen. Springl erklärte außerdem, es gebe ausreichend Rückstellungen für die spätere Sanierung im Revier.

Für den tschechischen Konzern sei die Übernahme der Lausitzer Braunkohle sowie eines Lippendorfer Kraftwerksblockes der größte Zukauf der Firmengeschichte, heißt es. Zurzeit beschäftigt EPH in Tschechien sowie in Tochtergesellschaften in der Slowakei, Polen, Ungarn, Italien, Großbritannien und Deutschlandden Angaben zufolge mehr als 12 000 Mitarbeiter. Für die Braunkohle als Brückentechnologie ins Zeitalter der erneuerbaren Energien sehe EPH noch eine Zukunft von mehreren Jahrzehnten. Die Anlagen in der Lausitz seien hochmodern und effizient, zeigte sich Springl überzeugt.