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"Wechselwirkung von Wirtschaft und Wissenschaft, Innovationsfähigkeit und Fachkräfteentwicklung ist unser Plus"

mdw-Gespräch mit Dr. Uwe Malich (Die Linke), Bürgermeister der Stadt Wildau

mdw: Die Region Schönefelder Kreuz, zu der auch Ihre Stadt Wildau gehört, für die Sie seit vielen Jahren als Bürgermeister Verantwortung tragen, zählt zu den stärksten Gegenden in Ostdeutschland. Wie lebt es sich für Ihre Bürger und für Sie im südlichen Speckgürtel der Bundeshauptstadt Berlin?

 Uwe Malich: Wir haben in unserer Region einen ziemlich guten Entwicklungsstand erreicht. Das betrifft zunächst die Arbeitsmarktsituation. Die Arbeitslosigkeit konnte im Vergleich zum Stand vor 20 oder vor 10 Jahren deutlich verringert werden. Wir haben inzwischen partiell sogar schon Fachkräftemangel. Aber auch noch eine gewisse Langzeitarbeitslosigkeit. Wir liegen im Übergang/Schnittpunkt zwischen der Metropole Berlin und der weiten, von vielen Gewässern (Flüsse und Seen) und viel Wald geprägten Landschaft Brandenburgs. Man kann bei uns nicht nur gut arbeiten, sondern auch gut leben. Zudem hat bei uns die technische und die soziale Infrastruktur im Wesentlichen ein zeitgemäßes, modernes Niveau erreicht. Unsere Region – mit Wildau – ist wirklich lebenswert.

 
mdw: Gemeinsam mit Königs Wusterhausen und Schönefeld schafft Wildau im so genannten Regionalen Wachstumskern „Schönefelder Kreuz" zukunftsorientierte Synergien für das ganze Land Brandenburg. Wichtigster Wirtschaftsfaktor wird der Flughafen Berlin Brandenburg BER. Was gehört zu den besonderen Pluspunkten, die Ihre Region auszeichnen?

 Uwe Malich: Ich möchte drei besondere Pluspunkte nennen:

• Die hervorragende verkehrliche Situation im Kreuzungsbereich wichtiger Ost-West und Nord-Süd Magistralen auf Straße (Autobahn) und Schiene. Dazu der Flughafen Schönefeld, zukünftig der Flughafen BER, und die Ergänzung unseres gegenwärtigen Verkehrssystems durch die Binnenschifffahrt, insbesondere den Hafen Königs Wusterhausen/Wildau.

• Die Nähe zur Hauptstadt Berlin und damit vielfältige, wirtschaftliche und soziale Synergiemöglichkeiten zwischen Berlin und dem Umland.

• Gerade im Blick auf Wildau zeigt sich ein weiterer wichtiger Pluspunkt: die Verbindung und Wechselwirkung von Wirtschaft und Wissenschaft und damit die Innovationsfähigkeit und Fachkräfteentwicklung in unserer Region.

mdw: Wildau hat sich aufgrund seiner industriellen Traditionen und der unmittelbaren Nachbarschaft zu Berlin neben der Wirtschaft zu einem attraktiven Standort für Wissenschaft und Bildung profiliert. Wie profitieren und bedingen Sie als Stadt und die Hochschule Wildau voneinander?

 Uwe Malich: Die Technische Hochschule ist ein entscheidender Aktivfaktor für unsere Stadt. Die Hochschule zieht junge und qualifizierte Leute nach Wildau. Dadurch haben wir ein hochqualifiziertes Arbeitskräftepotenzial, das für die Unternehmen außerordentlich wichtig ist, also unsere Standortqualität maßgeblich mitbestimmt. Außerdem ist die Hochschule für die kleine Stadt Wildau ein Tor in die große Welt. Die Hochschule, ihr Campus, liegt mitten in Wildau, sie ist ein wichtiger Teil von uns als Stadt.

 
mdw: Die junge Stadt Wildau will ihren Wachstumskurs unvermindert fortsetzen und stellt sich in den nächsten Jahren sogar auf immer mehr Einwohner ein. Was planen Sie? Wie soll das funktionieren?

Uwe Malich: Es gibt in Wildau gegenwärtig mehrere größere Wohnungsbauprojekte. Wohnungen sind knapp in Wildau, weil viele hiesige Arbeitskräfte auch in ihrem Arbeitsort wohnen wollen. Nachdem wir in den vergangenen 20 bis 25 Jahren unseren Wohnungsbestand umfassend saniert haben, geht es jetzt mit dem Wohnungsneubau los. Ein gutes, differenziertes Angebot – auch preislich – wird in den nächsten Jahren entstehen. Wir haben zum Glück eine eigene kommunale Wohnungsbaugesellschaft.

mdw: Auch am Aufschwung des Tourismus in Ihrer Region sind Sie interessiert. Auf dem Wirtschaftsforum der Stadt Wildau, das Sie anlässlich der diesjährigen Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung in Berlin ausrichteten, warben Sie mit Stolz auf den Tourismusstandort Wildau. Wo sehen Sie hier Potenzial und Chancen, aber auch Risiken anlässlich von möglichem Fluglärm am künftigen BER?

Uwe Malich: Unsere Region hat eine lange touristische und auch Naherholungstradition. Wir leben da, wo andere Urlaub machen. Wasser, Wald und unsere Natur insgesamt sind anziehend. Die touristische Infrastruktur hat sich in den vergangenen 20 Jahren hier gut entwickelt. Weitere Verbesserungen sind noch möglich und werden auch erfolgen. Wir haben diesbezüglich gerade eben in Wildau ein großes Projekt abgeschlossen, eine „Villa am See – Klubhaus und Hafen" plus Wasserwanderliegeplatz. Der Flughafen BER wird wahrscheinlich ambivalente, also gegensätzliche Effekte, auf unseren Tourismus haben. Die Erreichbarkeit unserer Region wird weiter verbessert. Wie sich andererseits die Fluglärmbelastung tatsächlich gestaltet, müssen wir abwarten. Gegenwärtig kann nur theoretisch abgeleitet und spekuliert werden. Ich vermute, der Tourismus wird bei uns eher auf der Gewinnerseite sein.

 
mdw: Als Wildaus Stadtoberhaupt mit dem Parteibuch der Linken engagieren Sie sich auch stark bei überregionalen, Landes-, Bundes- und internationalen Themen. Sie äußerten sich öffentlich zur Ukraine-Krise. Sie warnten 2014 „Deutschland muss jetzt handeln für eine gemeinsame Zukunft". Und Sie sind langjähriger Gastgeber der Gesprächsreihe „Der Bürgermeister lädt ein". Wie erleben Sie persönlich und politisch den Spagat oder das Miteinander von großer Weltpolitik und kommunalem Engagement?

 Uwe Malich: Auch die kleine Stadt Wildau ist Teil der großen weiten Welt. Die Kommunen können sich nur gut entwickeln, wenn die Rahmenbedingungen auf der nationalen und auch auf der internationalen Ebene in Ordnung sind. Beim Blick in Richtung Osten Europas wünsche ich mir für uns gute kooperative Beziehungen mit Polen, mit der Ukraine und mit Russland. Als Wirtschaftshistoriker kommt mir jetzt oft der deutsche Altkanzler Otto von Bismarck in den Sinn, von dessen Weitblick und an dieser Stelle auch Sensibilität im Umgang mit Russland wir heute durchaus lernen könnten und sollten.

 
mdw: Ihre aktuelle Wahlperiode als Bürgermeister endet im Januar 2018. Danach wollen Sie in den Ruhestand eintreten. Glauben Sie, die Eröffnung des Flughafens BER noch in Ihrem Amt erleben zu können?

Uwe Malich: Ruhestand wird wahrscheinlich nicht ganz die richtige Situationsbeschreibung sein. Die Eröffnung des BER würde ich aber noch gern in meiner Amtszeit erleben. Ich beschäftige mich mit dem Berlin-Brandenburger Flughafenprojekt schon seit Anfang der 90er Jahre, und ich möchte schon endlich wissen/erfahren, wie er sich wirklich auf unsere Region auswirkt, in wirtschaftlicher Beziehung und in Bezug auf die tatsächliche Lärmbelastung für unsere Bürger.

Mit Dr. Uwe Malich sprach Chefredakteur André Wannewitz