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Patienten-Navigation reduziert Aufenthalt im Wartezimmer

Wartezimmer bei niedergelassenen Ärzten oder in Krankenhäusern sind meistens proppenvoll. Viele Patienten üben sich über Wochen in Geduld, ehe sie überhaupt einen Termin beim Spezialisten bekommen. Auch der Wirrwarr an Gängen, Treppenhäusern und Abteilungen in den Kliniken ist oftmals schwer zu überblicken und lässt bei so manchen Patienten und ihren Angehörigen völlig Orientierung und Zeitempfinden verlieren. Doch wer krank ist, hat andere Sorgen, als seine Zeit durch Warten zu verspielen.

 

Seit zwei Jahren forschen Wissenschaftler der Hochschule Anhalt, der Humboldt-Universität Berlin und mehrere medizinische Praxispartner aus Dessau an einer so genannten „Patientennavigation" – ein Kartendienst nach dem Beispiel von GoogleMaps als Grundlage künftiger Mobilität in der Gesundheitsversorgung. Althergebracht, so stellten die Wissenschaftler fest, wird im Krankenhaus der Ablauf der Behandlung oder eine Kommunikation mit Patienten meist vorwiegend vom Wartezimmer oder vom Bett aus gesteuert. Hier findet der Kontakt mit dem Patienten durch Ärzte und Pflegepersonal statt. Sowohl die grundsätzliche Pflege als auch die Informationsübermittlung zu außerhalb der Station stattfindenden Behandlungen werden hier bestimmt. Der Patient ist dabei passiv und wird wenig in die Verwaltung (Management) der Termine mit einbezogen. Daraus entsteht für Patienten eine sehr starke Aufenthaltsverpflichtung im Wartezimmer oder am Bett. Ebenso ist eine Zunahme der Komplexität von Gebäudestrukturen und Behandlungstherapien durch Spezialisierung in der klinischen Medizin erkennbar. Es entstehen zunehmend längere Wege und Wartezeiten und dadurch ineffizientes Zeitmanagement. Eine Loslösung von dieser Struktur bedeutet nach Auffassung der Wissenschaftler ein Gewinn an gestaltbarer, frei verfügbarer Zeit.

Architekten, Geoinformatiker, Krankenhausärzte und niedergelassene medizinische Spezialisten haben sich deshalb zu einem Innovationspakt zusammen getan, um ein digitales Navigationssystem für mobile Endgeräte (Smartphones und Tablets) im medizinischen Anwendungsbereich zu entwickeln. Das Navigationstool soll dabei sowohl von Patienten, ihren Familienmitgliedern, Ärzten und Pflegepersonal als auch von Geräten und Inventar zur flexibleren Ortsbestimmung und räumlich-zeitlichen Koordination komplexer Handlungsabläufe innerhalb und außerhalb medizinischer Einrichtungen genutzt werden können. „Im Herbst wird die erste Ausbaustufe in Betrieb genommen", sagt Prof. Dr. Lothar Koppers, Projektleiter mit dem Berufungsgebiet Geoinformationssysteme und digitale Bildverarbeitung an der Hochschule Anhalt. Dann werde die Patienten-Navigation auf Herz und Nieren von allen beteiligten Partnern und vor allem von den Patienten und deren Angehörigen selbst erprobt.

„Das Handy ist im Krankenhaus bis auf einige hochspezialisierte Bereiche schon lange kein Tabu mehr", sagt die Leitende Oberärztin Dr. Diana Wießner, stellvertretende Chefärztin der Klinik für Urologie am Diakonissenkrankenhaus Dessau. „Auch für uns spielt die Prozessoptimierung eine große Rolle. Außerdem verbessert sich dadurch der Patientenkomfort entscheidend. Deshalb gehören wir neben dem Städtischen Klinikum Dessau und der Mund-, Kiefer und Gesichtschirurgie Halle-Dessau gerne zu den Praxispartnern dazu." Dass das Projekt sogar Bestandteil der Forschung im Exzellenzcluster „Bild.Wissen.Gestaltung" an der HU Berlin ist, ist Prof. Alfred Jacoby und Dr. Gunnar Hartmann zu verdanken, der als Architekt in Berlin lebt und sowohl an der Humboldt-Uni als auch an der Hochschule Anhalt unterrichtet. Für ihn ist an der Forschung und Entwicklung des Patientennavigationssystems vor allem die Kombination von Geoinformatik und Architektur außerordentlich interessant. Dr. Dr. Jörg Hendricks, ein angestellter Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg in einer niedergelassenen Praxis in Dessau, hebt die Vielfältigkeit der Navigation auch im ambulanten Bereich hervor.

„Ausschlaggebend bei der Entwicklung des Patienten-Navigators war für uns die Frage, wann muss ein Patient wo in der Klinik sein, und wie lange benötigt er, pünktlich ans Ziel zu kommen", sagt Sabrina Kabon, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule Anhalt, die als Entwicklerin des Patientennavis tätig ist. Was als Autonavigation mit den bislang üblichen Methoden von GPS und ähnlichen Technologien in der Outdoor-Ortung funktioniert, versagt aber bisher indoor. Dennoch soll sich auch hier im Routing innerhalb medizinischer Einrichtungen das Zusammenspiel von Raum und Zeit über eine Smarthpone-App wiederspiegeln. Das Entwicklerteam hat deshalb in den letzten beiden Jahren Methoden und Technologien untersucht, um im Krankenhaus eine Positionsbestimmung mit Hilfe von WLAN-Signalstärken durchzuführen, eine Indoor-Ortung mit Raumgenauigkeit entwickelt und die Anwendung an die Gegebenheiten der Praxispartner angepasst. Dabei war auch auf Usability, Ressourcen und Performance der Anwendung zu achten. Zusätzlich war eine Funktionalität der Anwendung ohne bestehende Internetverbindung angestrebt.

Gerade in komplexen, öffentlichen Gebäuden, wie zum Beispiel medizinischen Einrichtungen, bietet sich eine Indoor-Navigation bzw. eine Positionsbestimmung an. Diese bezieht sich auf die Orientierung und das Zurechtfinden im Gebäude, auch über mehrere Stockwerke und auf die benötigte Zeit, um von einem Ort zum anderen zu gelangen. Über die Sensorik von Smartphones und ihren Anwendungen (Apps) kann mit Hilfe der Ortung des Nutzers deren Positionen, Bewegungen und auch Ruhe- bzw. Wartezeiten erfasst bzw. abgeleitet werden. Auch bei der Berechnung der Routen vom Startpunkt zum gewählten Ziel waren mehrere Faktoren zu betrachten. So wurden individuelle Gehgeschwindigkeiten des Nutzers und die Notwendigkeit einer Barrierefreiheit einbezogen. Kabon: „Dadurch konnten nutzerspezifische Routen mit Zeitangaben zum Bewältigen der Strecke berechnet werden."

Damit die App-Nutzer-, vor allem die Patienten selbst, auch zusätzlich über bevorstehende Arzttermine informiert sind, wird zusätzlich in die Software ein Kalender integriert. „In Verbindung mit der Positions- und Routenbestimmung können die Wartezeiten für Patienten in medizinischen Einrichtungen freier gestaltet werden", verspricht Gunnar Hartmann.

Der Patienten-Navigator soll aber nicht nur die Bewegungen und Positionen der Patienten erfassen, sondern auch als Organisations- und Orientierungswerkzeug dienen. Das medizinische Personal kann zum Beispiel anhand der Wartezeitenmessungen ineffiziente Arbeitsabläufe identifizieren und die Patienten auch orten, da in der App auch Informationen zu Abteilungen und öffentlichen Plätzen sowie die Lagepläne der medizinischen Einrichtung integriert sind. Eventuelle Verspätungen im Arbeitsablauf können zeitnah eingeplant und der aktuellen Lage angepasst werden. Die Patienten finden sich mit Hilfe der Navigation in den medizinischen Versorgungseinrichtungen zielgenau zurecht. Die geplante Anwendung berücksichtigt sogar die Bedürfnisse mobilitätseingeschränkter Personen. „Mit all den spezifischen Möglichkeiten des Navigators wird dem Anwender die Freiheit gewährt, während seiner Wartezeit für eine Behandlung gegebenenfalls den Warteraum zu verlassen und bei bevorstehender Sprechzeit rechtzeitig informiert zu werden", erklärt Frau Kabon. So werde die Bindung des Patienten an den Warteraum oder das Bett als Kristallisationspunkt der Therapie reduziert.

Die Entwickler können sich vorstellen, auf das technische Profil der Patienten-Navigation künftig viele weitere Anwendungen aufzusetzen und zu verknüpfen. Der größte Vorteil bestehe darin, dass die Patienten-Navigation sofort nutzbar ist, ohne sich vorher in ein System einwählen zu müssen.