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Spuren, die bleiben

Vor 70 Jahren wurde die Freie Deutsche Jugend gegründet

„Am 7. März wäre sie 70 geworden", würde man sagen, um ehrenvoll an eine Frau zu erinnern und ihre früheren Leistungen zu würdigen. Wie erinnert man aber an eine Organisation, die es seit 26 Jahren gar nicht mehr gibt? Noch dazu an eine, die schon beim Nennen ihres Namens gar gegensätzliche Assoziationen hervorruft. Die einen verbinden damit ein Stück ihres aktiven Lebens, die anderen fühlten sich durch sie am eigenen Leben eher gehindert. Die Rede ist von der FDJ, der Freien Deutschen Jugend, die im März 1946 gegründet wurde, 43 Jahre der einzige Jugendverband in der DDR war und in den Wendejahren 1989/1990 sang- und klanglos unterging.

Fährt man aufmerksam durch die ostdeutschen Länder, begegnet einem zwar niemand mehr im Blauhemd, eilt keiner mehr zum FDJ-Studienjahr oder zu Pfingsttreffen des Verbandes; aber Zeugen des Wirkens der FDJ findet man sehr wohl und überall: Aue bekommt immer noch Trinkwasser aus der Sosa-Talsperre; die Wasserleitung in Unterwellenborn bei Max ist noch in Betrieb. Von der Schönefelder Startbahn heben zwar keine IL und TU mehr ab, dafür aber westliche Airbusse. Benzin kommt immer noch aus Schwedt an der Oder, wird zwar nicht mehr in den Westen gegen Devisen exportiert, aber immer noch aus russischem Öl destilliert. Der Westen ist jetzt vor Ort. Der ökologisch notwendige Biosprit kommt dazu auch vom Raps von der Friedländer Großen Wiese oder aus der Altmärkischen Wische. Und geheizt wird überall mit Erdgas, das aus dem russischen Orenburg über Krementschug und Bar durch die Trasse zu uns kommt. Nur heißt die Währung nicht mehr Drushba oder Westmark, sondern Euro und klingelt gern in russischen und deutschen Kassen. So kommen dann auch Luxus-Kreuzfahrtschiffe dank der aus Millionen Steinen angehäuften Ostmole sicher in den Rostocker Hafen. Angereist sind die Passagiere nicht mehr mit der Reichsbahn, aber sehr wohl unter Fahrdraht, den mal FDJ-Mitglieder über 2 000 Kilometer Gleis spannten. Und trotz aller abfälligen Bemerkungen zur „Platte" sind die Berliner ganz froh, dass in den Bezirken Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen tausende Wohnungen, Schulen und KITAs stehen, die heute so dringend gebraucht werden, aber mal von Jugendlichen aus allen Gegenden der DDR in der „FDJ-Initiative Berlin" errichtet wurden. Nur die Äpfel kommen nicht mehr aus dem Havelland, wo einmal für jeden DDR-Bürger ein Apfelbaum mit den köstlichen Gelben stand, der aber den einheimischen Bauern nur noch eine fette Abholzprämie der EU und den Südtiroler Obstbauern plötzlich einen guten Absatz brachten. Auch Strom kommt schon lange nicht mehr aus Lubmin oder Trattendorf, weil Atom und Braunkohle nicht mehr in sind.

Alle genannten Orte waren einst zentrale Jugendobjekte der FDJ. Mit ihnen verbanden sich zeitgemäßer Aufbauwille mit illusorischen Zukunftsversprechungen, volkswirtschaftliche Bedeutsamkeit mit sozialistischem Abenteuertum.

(Eberhard Aurich war zwischen 1983 und 1989 Erster Sekretär des Zentralrats der FDJ.)

Die bekanntesten zentralen Jugendobjekte

1949: Errichtung einer Wasserleitung für die Maxhütte in Unterwellenborn (Max braucht Wasser); 1949: Bau der Talsperre Sosa im Erzgebirge; 1954-1955: Bau des Kraftwerks Trattendorf in der Lausitz; 1959-1962: Ausbau des Zentralflughafens Schönefeld; 1958-1962: Melioration der Wische in Sachsen-Anhalt und der Friedländer Großen Wiese; 1960: Bau der Ostmole am Rostocker Hafen; 1960-1964 Bau des Petrolchemischen Kombinats Schwedt an der Oder; 1967: Beginn des Baus des Kernkraftwerkes Nord in Lubmin bei Greifswald; 1974: Bau der Drushba-Trasse zwischen Krementschug und Bar in der Ukraine, Fortsetzung in den 1980er Jahren südlich von Moskau und in Perm; 1982-1989 Streckenelektrifizierung der Deutschen Reichsbahn.