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"Strukturwandel ist deutlich spürbar, dennoch sind wir noch nicht am Ende"

mdw-Gespräch mit Klaus Schmotz (CDU), Oberbürgermeister der Hansestadt Stendal

mdw: Stendal gehörte zu sozialistischen Zeiten zu den wichtigsten Wirtschaftszentren in der DDR. Sie erwähnten bereits das Kernkraftwerk, das aber aufgrund der Wende nie in Betrieb ging, und den VEB Geologische Erkundung. In Stendal befanden sich zahlreiche weitere Großbetriebe, wie ein Reichsbahnausbesserungswerk, ein Dauermilchwerk, ein Stahl- und Industriemöbelkombinat und andere, die das ökonomische Antlitz im Norden des früheren Bezirkes Magdeburg maßgeblich prägten. Wie erlebte die Stadt Stendal den mit der politischen Wende 1989/90 einhergehenden wirtschaftlichen Wandel?

 

Schmotz: Es war seinerzeit ein sehr harter wirtschaftlicher Strukturwandel. Man kann heute sagen, dass die Stadt mit der Wende etwa 15 000 Arbeitsplätze verlor. Aber nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch ebenso viele Menschen, die dann der Arbeit hinterhergezogen sind.

Die Industriebetriebe, die auf dem Wirtschaftssystem der DDR basierten, haben unter den marktwirtschaftlichen Bedingungen Bedeutung und Arbeitsgrundlagen verloren, weil sie einfach nicht marktgerecht aufgestellt waren und produziert haben. Zum Beispiel das Kernkraftwerk, die Geologische Erkundung. Und die Unternehmen, die eine Chance auf dem Markt hatten, mussten sich einem sehr strengen Personalrückgang unterwerfen. Das hat die Arbeitsmarktlage zu Beginn der 90er Jahre hier erheblich verschärft. Wir hatten zeitweise Arbeitslosenquoten von über 25 Prozent. Teilweise haben Handwerk und Gewerbe Verluste ausgleichen können durch den seinerzeit einsetzenden Bau- und Sanierungsboom an alten Gebäuden.

Mittlerweile hat Stendal diesen Strukturwandel in Industrie, Handel und Handwerk geschafft. Die Stadt hat als Verwaltungs- und Wirtschaftsstandort, aber insbesondere auch als Sozialstandort, einen guten Entwicklungsprozess durchlaufen. Man muss heute konstatieren, dass die meisten neuen Arbeitsplätze im sozialen Bereich geschaffen wurden. Zwei Beispiele aus den letzten Jahren, die das verdeutlichen, sind die Errichtung von Seniorenzentren der Johanniter in Stendal Upstall und des DRK am Schwanenteich. Da sind für ältere Menschen Zentren mit betreutem Wohnen und Dienstleistungen unter einem Dach entstanden. Das ist momentan die modernste Form, den demografischen Wandel auf diesem Gebiet zu begegnen. Und das hat auch rund 200 neue Arbeitsplätze gebracht.

Die sozialen Arbeitsplätze sind wichtig. Aber wir haben in erster Linie die Mehrung von industriellen und gewerblichen Arbeitsplätzen im Auge. Da ist der große Sprung nach vorn noch nicht gelungen.  Wir sind heilfroh, dass die Unternehmen, die den wirtschaftlichen Strukturwandel überstanden haben, heute auf dem Markt einigermaßen etabliert sind, wenn auch mit weniger Personal als noch vor 25 Jahren. Das besondere Beispiel dafür ist der heutige Alstom-Betrieb, der sich aus dem ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerk entwickelte, seine Marktposition gefunden und auch gehalten hat.

 

mdw: Mit Blick auf den demografischen Wandel, aber auch innerhalb der Stadtsanierung, des Denkmalschutzes, beim Rückbau großer Plattenbausiedlungen, die einst für die KKW-Arbeiter gebaut wurden, hat sich seit 1990 viel getan. Wie hat sich die Stadt Stendal in 25 Jahren aus Ihrer Sicht verändert?

 

Schmotz: Stendal hat große Veränderungen in den letzten 25 Jahren durchlaufen. Wenn man sich vor Augen hält, wo wir noch vor 10 bis 12 Jahren Wohnungsbestände hatten, die zu 30 Prozent leer standen, ist durch den Abriss von Wohnungen auf der einen Seite und die Aufwertung von Wohngebieten auf der anderen Seite dieser Strukturwandel im Wohnungssektor deutlich spürbar.

Es ist nicht nur freie Fläche geschaffen worden, wie zum Beispiel in Stendal-Süd. Sondern auch im Stadtteil Stendal-Stadtsee ist dafür Sorge getragen worden, dass deutliche Aufwertungen vorgenommen wurden durch die Schaffung eines Stadteilparks, durch neue Straßen, Wege und Plätze und durch einen Sanierungsstand der Wohnungen, der dazu geführt hat, dass die vor vielen Jahren oftmals belächelten Plattenbaugebiete heute im Wohnungsmarkt sehr stark nachgefragt sind und zu einer guten Vermietungsquote geführt haben.

Hauptschwerpunkt des Strukturwandels war aber die Stendaler Innenstadt. Die Bürgerschaft, öffentliche Geldgeber, Banken haben hier gemeinsam daran gearbeitet, die Innenstadt zu alter Schönheit zu bringen. Das ist sicherlich ein Prozess, der zwei Jahrzehnte braucht. Wir sind auch noch nicht ganz durch, aber das, was heute schon erkennbar ist, zeigt, dass es richtig war, den Slogan „Zurück in die Mitte“ umzusetzen, die Menschen im Zentrum wieder anzusiedeln und damit auch Sorge dafür zu tragen, dass Handel, und Wandel, Gastronomie und Verkaufsmöglichkeiten florieren.

Was sich deutlich zeigt, ist ein anderes Anspruchsverhalten der Menschen. Sie wollen andere Wohnqualitäten, sie wollen zentrumsnah vieles zu Fuß erreichen, zum Arzt, zum Einkaufen, zum Sport auf kurzen Wegen kommen. Sie wollen sanierte Wohnungen und die Möglichkeit, auch das Auto in einer annehmbaren Entfernung abzustellen. Das sind Dinge, mit denen wir uns heute beschäftigen.

Wir haben in den letzten 25 Jahren außerdem die städtische Infrastruktur, also die Ver- und Entsorgung, auf einen sehr modernen Stand gebracht: Fernwärme, Wasser, Abwasser, Stromversorgung, mittlerweile in vielen Teilen der Stadt auch eine gute Internet-Breitbandversorgung sind umgesetzt. Man muss ehrlich sagen: Schnelles Internet ist besonders für die Wirtschaft von großer Bedeutung, weil damit die Geschwindigkeit der Informationsübertragung wesentlich erhöht wird. Wir sind dabei aber noch nicht am Ende.

Das Gespräch führte Chefredakteur André Wannewitz

(Ausführlich in der mdw-Ausgabe Mai 2015.)