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Eine größere Ehrung gibt es nicht

Von Dr. Bertram Thieme,

Direktor Dorint Hotel Charlottenhof Halle/Saale

Es war wahrscheinlich der aufregendste Tag meines beruflichen Lebens, der 24. Juni 1976. Ich war acht Tage Angestellter des Interhotels „Stadt Halle“, 26 Jahre jung und hatte die Aufgabe, den Vizekanzler und Außenminister der BRD, Hans-Dietrich Genscher, offiziell zu begrüßen und zu betreuen.

Eine unfassbare Verantwortung, den stellvertretenden Regierungschef meines „größten Klassenfeindes“, ein Halbgott, einen Übermenschen, – ich konnte vor größter Aufregung keinen klaren Gedanken fassen. Ich schwitzte und fror, meine Hände zitterten mehrere Stunden lang bis zur Erlösung und einer riesen Überraschung – Hans-Dietrich Genscher war ein Mensch, ein ganz normaler Mensch. Er fragte nach einer freundlichen Begrüßung: „Sind Sie der Chef hier?“ Seit diesem Tag, welcher nunmehr über 38 Jahre zurück liegt, begrüßt mich Herr Genscher mit „Hallo Chef!“ – was für eine Ehre!

Mit der Wende 1989 und der Zeit danach vertieften sich die Beziehungen zwischen uns beiden. Es war trotz größter Umbrüche eine einmalig prägende und an Erlebnissen unbeschreiblich intensive Zeit. Hans-Dietrich Genscher zeigte den Repräsentanten der 2+4-Verhandlungen zur Deutschen Einheit unsere Heimatstadt Halle (Saale). Diese Besuche durfte ich mit meiner Hotelfamilie vorbereiten und betreuen. So lernte ich ganz persönlich Michail Sergejewitsch Gorbatschow, Eduard Schewardnadse, Außenminiuster der UdSSR, Henry Kissinger, Außenminister der USA, Douglas Hurd, Außenminister Großbritanniens, Ronald Dumas, der Außenminister Frankreichs, und Jiri Dienstbier, Außenminister der CSSR, kennen. Was für ein Geschenk so etwas erleben zu dürfen!

Das mich am tiefsten Bewegende war jedoch etwas ganz Privates. Meine Mutter lebte seit 1951 durch eine dramatische Familienzerrüttung in Stuttgart. Ich kannte sie nicht. Im Alter von fast 75 Jahren, ich war 40, durfte ich meine leibliche Mutter voller Tränen in die Arme schließen. Lieber Herr Genscher, das haben wir ganz entscheidend Ihrem unermüdlichen Ringen um die Deutsche Einheit zu verdanken. Danke! Danke!

Die Jahre vergingen, und ich verabschiedete mich bei meinem treuesten Gast Hans-Dietrich Genscher, da ich 1996 das Dorint Hotel Charlottenhof übernehmen durfte. Seine Antwort „Wenn Sie gehen, gehe ich auch!“ Hans-Dietrich Genscher eröffnete dieses neue, schöne, im Jugendstil erbaute Hotel im Juni 1997. Was für ein Höhepunkt und eine Ehre zugleich. Es entstand die „Hans-Dietrich Genscher-Suite“ als sein so genannter Wohnsitz in seiner Heimatstadt. In der Folgezeit gab es circa 150 Besuche, und immer wieder konnten wir großartige Persönlichkeiten erleben, welche ihn begleiteten bzw. eingeladen waren. So gestaltete sich besonders sein 75. Geburtstag zu einem unbeschreiblichen Erlebnis. MDR und WDR produzierten für die ARD eine beeindruckende Abendshow. Am Abend zuvor trafen seine Gäste im Hotel ein. Es wurden immer mehr. Herr Genscher lud sie alle an seinen Tisch ein. Und so entstand durch ihn und seiner lieben Frau Barbara selbstgebaut, die größte Tafel mit unendlich vielen Kurven und Winkeln, welche ich je gesehen habe. Es müssen, glaube ich, 50 bis 60 Gäste quer durch das Restaurant daran gesessen und gefeiert haben.

Seit dem Jahr 2000 darf sich das Dorint Charlottenhof Halle (Saale) als das Lieblingshotel von Hans-Dietrich Genscher bezeichnen. Eine größere Ehrung gibt es nicht.

Ich danke meinem Dasein für diese gemeinsame Biografie; eine größere Freundschaft per Sie als diese, ist nicht möglich.

Gastkolumne mdw-Heft Oktober 2014