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Liebe Leser,

kennen Sie „Spindel“? Otto-Normalverbraucher vermutlich nicht. Der deutschen Medienwelt, und vor allem der in Thüringen, ist „Spindel“ geläufig. Uwe Spindeldreier, so sein vollständiger Name, reiste nach Mauerfall und deutscher Einheit aus dem Westen in den Osten ein, bekam beim Mitteldeutschen Rundfunk in Erfurt einen hochdotierten Arbeitsplatz und wurde schließlich vom damaligen CDU-Ministerpräsidenten Bernhard Vogel als sein Regierungssprecher in die Thüringer Staatskanzlei geholt.

 

„Spindel" soll geräuschlos gearbeitet haben, schrieb die „Thüringer Landeszeitung" (TLZ) 2010 in einer langen Reportage. Bei Konferenzen sei er oft eingeschlafen; nur sein Schnarchen habe man gehört. Erst bei Spindels plötzlichem Abgang hin zu Angela Merkels Bundespresseamt nach Berlin sei herausgekommen, dass Spindeldreier es war, der den Slogan „Thüringens starke Mitte" erfunden hatte. „Ein wahrer Geniestreich, ein Geistesblitz jenseits der Denkfabrik...", urteilte die TLZ damals.

Spindeldreier, ein strammer CDU-Mann, steht als Ministerialdirektor im Bundespresseamt mit ganz oben auf der Gehaltsliste. Er leitet dort die Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und ist für die Medien, wenn es um Interviewanfragen an die Kanzlerin geht, die Schnitt- und Entscheidungsstelle zwischen Bundespresse- und Kanzleramt. Als das „mdw"-Magazin im Vorfeld der Bundestagswahl 2013 ein Kanzlerinterview anfragte, ließ Spindeldreier das Ansinnen in seinem Schreibtisch verschwinden, weil er, wie Insider berichteten, „seine Ruhe haben wollte". Bleibt Merkel Kanzlerin? Einzig nur um diese Frage soll sich das persönliche und dienstliche Leben Spindeldreiers im letzten Sommer gedreht haben, hieß es. Da blieb ihm natürlich keine Zeit für seine tatsächlichen Belange. Spindeldreier wusste genau, bei jeder anderen Konstellation nach der Bundestagswahl ohne CDU-Mehrheit hätte er seinen Schreibtisch räumen müssen.

Seit der Bildung der Großen Koalition im Dezember vorigen Jahres ist das Leben für Spindeldreier wieder ruhiger und unaufgeregter geworden. Monat für Monat findet er, zumindest bis zur nächsten Bundestagswahl, sein steuerfinanziertes Gehalt auf seinem Konto. Arbeitsergebnisse am Ende des Tages, etwa nach Art einer erfüllten Produktivnorm, braucht er nicht nachzuweisen.

Dennoch trägt Spindeldreier Verantwortung.Sein neuestes Projekt, wofür Spindeldreier den obersten Hut aufhat, ist die Internetseite „freiheit-und-einheit.de", die die Bundesregierung pünktlich zum Beginn des 25. Jahrestages der Ereignisse von 1989/90 freischaltete. Auf ihr zeichnet Spindeldreier aus westdeutscher Sicht die wichtigsten „Höhepunkte" hin zu Mauerfall und Einheit nach. Wie die Flucht mit einem Heißluftballon scheiterte, warum Bundesminister ihren DDR-Besuch absagten. Spindeldreier berichtet über eine Ausreisedemo in Leipzig und auch über die Proteste gegen das SED-Regime. Auch Stasi- und Mauerschützen-Themen blendet das Portal nicht aus.

Viel zu einseitig, wie ich finde, werden da Befindlichkeiten gepriesen und Urteile gefällt. Oft genug fehlt die zweite, die ostdeutsche Sicht auf Mauerfall und Einheit, vor allem aber die realistische Einschätzung von Verlauf und Ergebnissen der Vorwende-Ereignisse in der DDR.

Das „mdw"-Magazin startet mit seiner neuen Rubrik „Zeitzeugen" in dieser Ausgabe ins 25. Jahr nach 1989. Wir haben uns vorgenommen, mit unseren Gesprächspartnern ein ziemlich authentisches Bild aus vor allem ostdeutscher Sicht zu zeichnen und dabei Höhen und Tiefen von SED und DDR in fast 41 Jahren nicht auszublenden. Mir bleibt die Empfehlung an Spindeldreier, auch diese Sichtweisen in das Internetportal aufzunehmen und daraus eine einzigartige deutsch-deutsche Chronik zu schmieden. Erst dann erfüllt sich für alle Deutschen im ehemaligen Westen und Osten das Heine-Wort: „Der heutige Tag ist ein Resultat des gestrigen. Was dieser gewollt hat, müssen wir erforschen, wenn wir zu wissen wünschen, was jener will."

Ein herzliches Glück auf!