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A 20 abgesackt: Trägt die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommerns daran eine Mitschuld?

Bundesverkehrsminister a. D. Günther Krause (CDU) kritisiert die Renaturierung des Moores ohne Wissen der Planer scharf /

Krause gegenüber mdw: "Bundeskanzlerin Merkel hat A20 zur Chefsache gemacht"

Auch wenn Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) auf mdw-Anfrage verneint, dass sich das abgesackte Autobahnstück der A20 bei Tribsees in einem renaturierten bzw. Moorschutzprojektgebiet befindet, bleibt der frühere Bundesverkehrsminister Günther Krause (CDU) bei seiner These: Die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern trage eine Mitschuld, dass es jetzt zur Absenkung der Fahrbahn gekommen ist.

Krause vertritt vehement die Meinung, dass die Autobahn durch ein Moorgebiet führt, das auf Weisung des Landwirtschaftsministeriums entlang des Flusses Trebel renaturiert wurde. „Zusammen mit der Renaturierung des Moores im Bereich der Autobahn 20, der Unvernunft von Menschen und dem niederschlagreichen Sommer in diesem Jahr ist es zum Absacken gekommen", sagt Krause gegenüber mdw. Er widerspricht Minister Backhaus, der gegenüber dieser Zeitung äußerte: „Das betreffende Gebiet (der Verlauf der A20 – Anmerkung der Redaktion) ist eigens aus der Kulisse des LIFE-Vorhabens an der Trebel herausgenommen worden." Laut Krause, der als „Vater der Autobahn 20" gilt und den Bau dieser ersten gesamtdeutschen Trasse als Bundesverkehrsminister Anfang der 90er Jahre auf den Weg brachte, habe das Moor durch die Renaturierung „50 bis 60 Prozent mehr Wasser. Das hat die Tragfähigkeit der Autobahn stark beeinflusst."

Demnächst will Landesverkehrsminister Christian Pegel (SPD) Gutachter beauftragen, eine der angeblich 60 000 bis 80 000 Säulen zu bergen, die seinerzeit zur Tragfähigkeit der Autobahn in das Moor eingelassen wurden. Er wolle wissen, so sagte Pegel bei einem Bürgerforum in Tribsees vor Ort, „was sich wirklich unter der A 20 befindet und hat deshalb ein Stralsunder Bohrunternehmen und zwei wissenschaftliche Einrichtungen bestimmt, zu Ergebnissen zu kommen. Ob sich diese Frage aber beantworten lässt, ist noch ungewiss.

Krause gerät in Rage, weil ihm zwischenzeitlich Landesverkehrsminister Pegel vorgeworfen hat, die Autobahn 20 billig gebaut zu haben. Auch die von Krause persönlich im Jahr 1992 gegründete Firma DEGES Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH, die das Verkehrsprojekt Deutsche Einheit 10, wie die A 20 zwischen Lübeck und Stettin bezeichnet ist, plante und baute, weist jede Schuldzuweisung von sich, bei Bauweise und Bauausführung geschlampt zu haben. „An dieser Stelle, wo die Fahrbahn absackte, quert die Autobahn das Trebeltal auf Moorboden. Zur Abstützung wurden dort Trok-kenmörtelsäulen erstmals in extrem weichen Böden und erstmals mit Längen von bis zu 13 m ausgeführt. Dabei wird mit einer Endlosschnecke ein Gemisch aus Sand und Zement in den Untergrund eingebracht. Es entsteht eine Säule aus verpresstem Trockenmörtel; dieser bindet durch Erdfeuchte und Grundwasser ab, und es entsteht eine verfestigte Säule", erklärt DEGES-Kommunikationschef Michael Zarth gegenüber mdw. Der geprüfte und genehmigte Durchmesser der Säulen, so sagt Zarth, beträgt 15 cm. „Tatsächlich haben die Säulen aber einen Durchmesser von 18 bis 22 cm." Das Verfahren sei vor seiner Anwendung damals auch getestet worden. „Direkt im Trebeltal wurden Testfelder aufgebaut. Säulen wurden in den Boden eingebracht und kontrolliert belastet, um so Rückschlüsse auf die Dimensionierung zu ziehen." Dieses Verfahren sei üblich und wurde bzw. wird von Sonderfachleuten, Prüfingenieuren, DEGES und Genehmigungsbehörden begleitet.

Landesverkehrsminister Pegel, nutzte seinen Vorort-Termin des Bürgerdialogs dazu, die neue Behelfsabfahrt von der A 20 kurz vor dem abgebrochenen Damm für den Verkehr in Richtung Stettin freizugeben. Sie wurde binnen sechseinhalb Wochen seit Vollsperrung der A 20 geplant und gebaut. Auf ihrer Internetseite gibt das MV-Verkehrsministerium Antworten auf Fragen zur beschädigten Autobahn und zu weiteren Vorhaben ihrer Instandsetzung.

Die DEGES wird nach eigenen Aussagen wohl nicht mit der Reparatur und Instandsetzung der beschädigten A 20 beauftragt. Das bedauert Ex-Bundesminister Krause. Generell seien Landesfirmen gar nicht mit dem notwendigen Know-how ausgestattet, solche anspruchsvollen Aufgaben zu erfüllen, sagt er, der von Hause aus Bauingenieur ist mit besonderen Kompetenzen im Verkehrsbau. Krause betonte gegenüber mdw: „Ich habe in der Bundesregierung auf ein beschleunigtes Planungsverfahren beim Ausbau der Infrastruktur der Ex-DDR hingewirkt, damit die Fertigstellung der A 20 flotter vonstatten geht. Das habe sich aber lediglich auf Fragen der Raumordnung sowie die planerische Linienführung der A 20 ausgewirkt, nicht aber auf Bauausführung und Konstruktionsplanung." Krause wirft dem Landesverkehrsminister Pegel, der 1974 in Hamburg geboren wurde, Unanständigkeit vor. Der Satz Pegels „Wer billigt kauft, kauft doppelt", sei laut Krause zu keinem Zeitpunkt zutreffend gewesen. Die Ursache, warum die Autobahn gebrochen ist, sei vielmehr auf Versagen der Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern zurückzuführen. Krause: „Schon in der DDR war das Moorgebiet bekannt. Erst nach der Wende konnte mit absolut neuer Technik und neuen technischen Verfahren sichergestellt werden, dort eine Autobahn zu bauen. Mit extremen Sicherheitsstandards. Die Landesregierung MV hat aber damals zeitgleich eine Renaturierung des Moores vorangetrieben. Die durch die Renaturierung zu erwartenden Bodenveränderungen hat das Land den Planern aber nicht mitgeteilt." Der Boden sei einfach nass gemacht worden. Die Verwässerung habe in Folge die Tragfähigkeit des Bodens deutlich verringert. „Und die Regenfälle in der jüngsten Zeit haben schließlich ihr übriges dazu beigetragen."

PS:
Nach Redaktionsschluss teilte Günther Krause dem mdw-Magazin mit, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel die Autobahn 20 zur Chefsache gemacht habe.