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Fast 100 Jahre ein Chemnitzer

Chemnitz wird 2018 875 Jahre alt. Schaut man ins Lexikon, so wurde diese bedeutende Industriestadt Deutschlands früher mit Titeln belegt wie „Sächsisches Manchester" oder „Ruß-Chamtz". Sie sind 1920 dort in der Sedanstraße geboren, also seit fast 100 Jahren Chemnitzer, wahrscheinlich mittlerweile einer der ältesten Einwohner. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an Ihre Kindheit in Chemnitz denken?

Werner Aurich: Chemnitz war eine Stadt, wo wir als Kinder in unserem Gebiet spielen und machen konnten, was wir wollten. Meistens waren wir auf der Straße. Auf unserer Straße war kein Verkehr. Aber es gab auch eine heute unverständliche Trennung zu unserem Nachbarkiez, die gingen in eine andere Schule, wir wollten mit denen da nichts zu tun haben.

Sie sind in die Sedan-Schule gegangen, diese wurde vor kurzem 100 Jahre alt. Sie haben sie aus diesem Anlass nochmals besucht. Was empfanden Sie dabei?

Werner Aurich: Ich erkannte den alten Fußboden. Die Schule wurde jetzt fein rekonstruiert. Ich habe nur gute Erinnerungen an meine Schule.

Was waren denn Ihre Lieblingsfächer? Haben Sie noch Lehrer in Erinnerung?

Werner Aurich:Geschichte, Deutsch, Rechnen, Erdkunde hatte ich gerne. Ich erinnere mich an Frau Friedrich, Frau Hanson, meine Klassenlehrerinnen, an Herrn Uhlmann, später war er Direktor. Dann kam der Morgeneier. Sein Sohn war mit in unserer Klasse, das war ein Räbchen. Den Morgeneier haben wir manchmal ganz schön verarscht. Dann Herr Kießling, der war einwandfrei. Er kam mit dem Motorrad und hat mich viele Male mit nach Hause genommen auf seinem Krad, weil ich den weitesten Weg zur Schule hatte.

Hatten Sie in jener Zeit manchmal Angst, nichts zu essen zu haben?

Werner Aurich: Darum habe ich mich nie direkt gekümmert. Es war immer etwas auf dem Tisch. Mein Vater war Kaufmannsgehilfe, meine Mutter war eigentlich zu Hause, hat aber schwarz als Wäscherin bei verschiedenen Leuten gearbeitet und so etwas hinzuverdient. Freitags kam zu uns immer eine Bäuerin und brachte uns Lebensmittel für die nächste Woche: Kartoffeln, Butter, Eier, Gemüse. Was auf den Tisch kam, wurde gegessen. Große Ansprüche hatten wir nicht. Das Schönste war, dass ich als Schüler im Sommer immer drei bis vier Wochen auf diesem Bauernhof in Dittmannsdorf war, habe dort beim Rübenverziehen geholfen, „unerzogene" Kälber gehütet, im Stall oder bei der Ernte Hand angelegt und dafür auch einen Lohn bekommen. Das war für mich die schönste Zeit, ich wurde auch dort ein bisschen aufgepeppelt.

1935 kamen Sie aus der Schule; Sie standen in der Industriestadt Chemnitz vor der Berufswahl.

Werner Aurich: Mein älterer Bruder hatte auf der höheren Schule Schwierigkeiten, deshalb mied ich diese und blieb bis zur 8. Klasse auf der Grundschule. Mein Vater war als Kaufmannsgehilfe in einem Strumpfhandel; so etwas wollte ich auch werden. Für die Industrieberufe habe ich mich nicht interessiert. Es standen auch verschiedene Annoncen in der Zeitung. Ich habe mich auf etliche beworben, bekam nicht immer Antwort. Schließlich meldete sich die Strumpffabrik Martin Richter. Bis zu dieser Strumpfbude war es ziemlich weit von unserer Wohnung. Die Ausbildung ging von 8-12 Uhr, dann gab es zwei Stunden Mittagspause. Da bin ich mit dem Fahrrad nach Hause zum Essen gefahren. Dann ging es zurück in die Firma. Drei Jahre dauerte die Ausbildung, danach bin ich bei Richters geblieben, bekam 90 Reichsmark als Gehalt im Monat. Meine Mutter war ziemlich zufrieden, bekam sie doch nun einen Zuschuss zum Kostgeld.

Als Jugendlicher haben Sie in einer Zeit in Deutschland gelebt, die wir heute als Hitlerzeit, als Nationalsozialismus oder als Faschismus bezeichnen. Wie haben Sie diese Zeit zwischen 1934 und 1938 erlebt? Haben Sie etwas gemerkt davon, dass ein Krieg vorbereitet wurde?

Werner Aurich: Unsere Firma in der Queitsch-Straße, mein Chef war Nazi, der Prokurist Nazi, ich war wie alle Hitlerjunge, später auch NSDAP-Mitglied. Ja, es wurden da sehr martialische Reden geschwungen und die eisernen Zäune in den Vorgärten entfernt und eingeschmolzen. Aber es ging uns auch besser. Mein Vater war nach Pleite seiner Firma drei Jahre arbeitslos, dann hatte er eine Anstellung beim Arbeitsamt in Chemnitz. Ich war jahrelang bei der christlichen Jugend, habe dort an Zeltlagern teilgenommen; das hat mir viel Spaß gemacht. Die Nazis sahen diese Organisation skeptisch und haben sie dann später auch geschluckt. So kam ich zur Hitlerjugend. Während meiner Armeezeit haben wir auch mal das Mammut-Projekt Prora besichtigt, wo die Nazis „ein Ferienobjekt für die Arbeiterklasse" errichten wollten. Nichts war fertig, aber beeindruckend war es schon.

Das vollständige Interview lesen Sie im mdw-Heft Dezember 2016