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Breitbandausbau dringend erforderlich, um die Wirtschaft nicht zu benachteiligen

mdw-Gespräch mit Wolfgang März, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Magdeburg

mdw: Herr Hauptgeschäftsführer, Innovation und Zukunft in Deutschland, insbesondere in den neuen Bundesländern, bestimmen seit 14 Jahren die Themen des mdw-Magazins. Auch das Anliegen der Industrie- und Handelskammern ist es, mehr Mittelständler zu gewinnen, in Zukunftslösungen zu investieren. Etwa in die Digitalisierung der Wirtschaft. Worum geht beim derzeitigen Schwerpunktthema der bundesweiten IHK-Organisation?

 
Wolfgang März: Im August 2014 verabschiedete die Bundesregierung die „Digitale Agenda für Deutschland (2014-2017)" und damit ihr Arbeitsprogramm für den Umgang mit der Digitalisierung. Die IHK-Organisation begleitet den Digitalisierungsprozess. „Wirtschaft digital" ist Schwerpunktthema für die Jahre 2015 und 2016. Die IHK-Organisation spielt eine wichtige Rolle beim Vorantreiben der Digitalisierung in den Regionen. Hier sind wir branchenübergreifend Ansprechpartner für die Unternehmen. Die IHKs können mittelständischen Unternehmen durch Informationen und Sensibilisierung beim Digitalisierungsprozess unterstützen. Gemeinsam mit Partnern tragen wir Themen rund um die Digitalisierung praxisnah an den Mittelstand heran.

 
mdw: Neben dem Internet im Allgemeinen, mit dem die Unternehmen natürlich auch zu neuen Kunden kommen können, spielt die Frage der Informationssicherheit eine große Rolle. Wie können Industrie- und Handelskammern ihren Mitgliedern vor Ort helfen, Sicherheit im Netz zu organisieren? Wie ist die Unternehmerschaft im Kammerbezirk auf die Digitalisierung und auf Netzsicherheit eingestellt?

 
Wolfgang März: Wir sind sehr aktiv, um Unternehmen zu sensibilisieren, zu informieren und Erfahrungen auszutauschen. Wir sind gut vernetzt, beispielsweise mit regionalen Initiativen, Forschungseinrichtungen und Vereinen für Sicherheit in der Wirtschaft. In fast allen IHKs gibt es direkte Ansprechpartner für das Thema IT-Sicherheit. Unternehmen haben erkannt, dass beispielsweise für eine erfolgreiche Kundenbeziehung IT-Systeme eine überdurchschnittliche Bedeutung besitzen. Allerdings muss dafür zunehmend die IT-Kompetenz der Mitarbeiter gestärkt werden und vor allem eine strategische Herangehensweise beim Schutz digitaler Kommunikation, Prozesse und Infrastrukturen in den Unternehmen vorangetrieben werden. Hier herrscht zu oft noch eine gewisse Sorglosigkeit.

 
mdw: Die Bundesregierung hat eine so genannte Innovationsinitiative für die neuen Länder auf den Weg gebracht. Die Bundes-Förderprogramme dienen dazu, neue regionale Wachstumscluster zu schaffen. Können Sie Beispiele nennen, wie dadurch im Kammerbezirk Magdeburg die Wirtschaft wächst?

 
Wolfgang März: Seit 2006 wurden mit den Wachstumskernen ALFA und WIGRATEC zwei erfolgreiche Innovationsvorhaben im Programm „Unternehmen Region" des BMBF im Kammerbezirk Magdeburg durchgeführt, die nachhaltig zur Stärkung der Wirtschaft in Sachsen-Anhalt führten. Der Wachstumskern ALFA – Allianz Faserverbunde –, dessen regionales Zentrum in Haldensleben im Ohrekreis bei Magdeburg in Sachsen-Anhalt liegt, ist ein Zusammenschluss von insgesamt 19 produzierenden Unternehmen und Forschungsinstitutionen. Seit dem Ende der Projektlaufzeit im Jahre 2009 wurden Umsatzerhöhungen der beteiligten Bündnispartner von zirka 20 Millionen Euro erzielt. Das Investitionsvolumen in bestehende Unternehmen und in Neugründungen betrug rund 25 Millionen Euro, verbunden mit der Schaffung von rund 200 neuen Arbeitsplätzen.

Das regionale Zentrum des Wachstumskerns WIGRATEC ist die aufstrebende Wirtschaftsregion in Weißandt-Gölzau bei Halle. Im Umkreis von rund 100 Kilometern sind zehn der zwölf aktiv an den Projekten mitwirkenden Bündnispartner angesiedelt. Aufgrund der außerordentlich positiven Resonanz zum Wachstumskern und des großen Zuspruchs wurde entschieden, dem Zentrum der WIGRATEC in Weißandt-Gölzau durch den Neubau eines Forschungs- und Entwicklungszentrums einen entsprechend angemessenen Rahmen zu geben. Das neue Technikum mit einem Gesamtinvestitionsvolumen von drei Millionen Euro wird in Kürze fertiggestellt.

mdw: In den Unternehmen wird viel über Innovation in die Umwelt diskutiert – auch kontrovers. Stichworte sind hier eine neue Ladeverordnung für Elektrofahrzeuge oder die neu beschlossene Regulierung von Stromkosten. Gerade hier fordert der Deutsche Industrie- und Handelskammertag eine Härtefallregelung Unternehmen. Worum geht es dabei?

 
Wolfgang März: Mit der Durchschnittsstrompreis-Verordnung (DSPV) soll geregelt werden, wie die Berechnung von durchschnittlichen Strompreisen für Unternehmen mit ähnlichem Stromverbrauchsverhalten in der Besonderen Ausgleichsregelung des EEG künftig erfolgt. Dahinter steht die Absicht zu verhindern, dass die Stromkostenintensität eines Unternehmens durch Preisgestaltungen künstlich erhöht werden kann. Die Umstellung der Methodik zur Ermittlung der Stromkostenintensität führt dazu, dass deutschlandweit rund 80 Unternehmen ganz aus der Besonderen Ausgleichsregelung fallen werden. Darüber hinaus dürften zahlreiche weitere Unternehmen betroffen sein. Ihnen droht eine Vervielfachung der EEG-Belastung innerhalb kürzester Zeit. Dies birgt Kostenrisiken in Millionenhöhe, die für viele der betroffenen Unternehmen existenzbedrohend sein werden.

Aus diesem Grund plädieren wir als auch zahlreiche Verbände dafür, eine Auffangregelung für Härtefälle einzuführen, die in das derzeit novellierte EEG 2016 einfließen sollte. Die Härtefallregelung sollte sicherstellen, dass Unternehmen nicht zu Unrecht, d.h. aufgrund methodischer Mängel bei der Ermittlung von Durchschnittsstrompreisen, existenzbedrohenden Kostenrisiken ausgesetzt werden. Zugleich kritisiert die Wirtschaft zahlreiche Mängel in der Berechnung der Durchschnittsstrompreise, die dringend beseitigt werden müssen. Zum Beispiel sollten die Netzentgelte nicht in die Berechnung einfließen. Ein fairer Vergleich ist nur möglich, wenn dieser Preisbestandteil bei der Berechnung von Durchschnittsstrompreisen komplett außen vor gelassen wird.

mdw: Auch die Mobilität braucht nachhaltige Lösungen. Klima schützen, Ressourcen schonen und zugleich Technologien fördern, die wirtschaftliches Wachstum versprechen. Kann mit Elektromobilität das Auto neu gedacht werden?

 
Wolfgang März: Mit dem dieser Tage von der Bundesregierung beschlossenen Förderprogramm für Elektro- und Hybridfahrzeuge wird in diesen Markt etwas Bewegung kommen. Einen Durchbruch des Elektroantriebes für den PKW sehe ich aber erst, wenn die Einsatzbedingungen mit denen der benzin- und dieselbetriebenen Fahrzeuge mithalten können. Das ist, denke ich entscheidend für die Nutzerakzeptanz. Dazu ist es notwendig, die Ladetechnologie so zu entwickeln, dass die Ladezeiten deutlich kürzer werden. Zudem sind die Ladesysteme über alle Marken hinweg einheitlich zu gestalten und ein dichtes Netz an Ladestationen zu schaffen. Ganz entscheidend ist die Verbesserung der Reichweite. Etwa 150 Kilometer ohne Aufladung sind nur für die Nutzung innerhalb von Städten interessant. Für die Elektromobilität im Nutzfahrzeugbereich experimentiert man u. a. mit der elektrifizierten Autobahn. Für noch interessanter und zukunftsweisender halte ich die Forschung an der Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Technologie. Das „Rennen" macht die Technologie, die größte Sicherheit und höchste Zuverlässigkeit bei optimaler Energieeffizienz bieten wird.

 
mdw: Was halten Sie vom autonomen Fahren? Dieses Zukunftsthema zog sich auf dem diesjährigen europäischen Automobilsalon in Genf wie ein roter Faden durch alle Gesprächskreise.

 
Wolfgang März: Alle großen Fahrzeughersteller haben Projekte zum autonomen Fahren. Die vielen Assistenzsysteme, die wir in heutigen Fahrzeugen nutzen können, sind erste Schritte auf dem Weg zum autonomen Auto. Ich kenne beeindruckende Tests, z. B. in der Motorsportarena in Oschersleben, die gezeigt haben, dass die von der Industrie für 2020 angekündigte Serienreife durchaus realistisch ist. Das autonome Fahren wird ganz sicher in absehbarer Zeit auch für den ÖPNV völlig neue Gestaltungsspielräume eröffnen. Vor allem für ländliche Regionen sind ganz neue Konzepte denkbar und vielerorts auch notwendig, um die Mobilität auf dem Lande zu gewährleisten. Mercedes präsentierte bereits vor geraumer Zeit einen autonom fahrenden LKW. Wir müssen uns darauf vorbereiten, die Ausbildung von Berufskraftfahrern an den neuen Anforderungen auszurichten. Der Attraktivität des Berufes Kraftfahrer wird das zu Gute kommen.

 
mdw: Studieren, Forschen, Leben und Arbeiten beschreibt den Kern der Zusammenarbeit zwischen Universitäten, Hoch- und Fachschulen mit der Wirtschaft. Landauf, landab treffen Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung und Forschung aufeinander und strahlen mit Vielfältigkeit in die Zukunft. In welchen Feldern sehen Sie dabei besondere Erfolge? Und wo gibt es aus Ihrer Sicht ausbaufähige Reserven, beispielsweise an der IHK-Zusammenarbeit mit der Universität Magdeburg?

 
Wolfgang März: Wir arbeiten seit vielen Jahren eng mit den Hochschulen und der Universität in unserem Kammerbezirk zusammen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Durchlässigkeit der akademischen und beruflichen Bildung sowie der Verzahnung beider, zum Beispiel durch das Duale Studium. Neben der vereinbarten pauschalen Anrechnung von verschiedenen kaufmännischen IHK-Aufstiegsfortbildungen auf den berufsbegleitenden BWL-Studiengang der Hochschule Harz ist die neue Kooperationsvereinbarung zum Dualen Studium mit der Universität Otto-von-Guericke ein besonderer Erfolg. Auf der Grundlage verbesserter Qualitätsstandards zur Durchführung von ausbildungsintegrierten dualen Studiengängen wurde auf die Verzahnung von Theorie und Praxis und die Beratung von Unternehmen und Studierenden Wert gelegt. Die IHK Magdeburg möchte auch zukünftig die Kombination von Ausbildung und Studium unterstützen – zur Fachkräftesicherung für unsere Unternehmen.

 
mdw: Wie können auch die einzelnen Bundesländer helfen, gegebenenfalls auch Industrie- und Handelskammern oder Handwerkskammern, die Verbindung zwischen Wirtschaft und Wissenschaft auch im Sinne der Fachkräftegewinnung zu optimieren?

 
Wolfgang März: Der Fachkräftemangel wird sich in Deutschland vor allem im Bereich der Facharbeiter auswirken. Wir benötigen daher mehr Fachkräfte, die als Bindeglied zwischen Facharbeiter und Hochschulabsolventen tätig sind. Die IHK Magdeburg verstärkt daher die Zusammenarbeit mit unseren Hochschulen, um das Angebot an Dualen Studiengängen auszubauen und qualitativ zu verbessern. Über diesen Weg stärken wir sowohl die duale Ausbildung sowie das Studium. Darüber hinaus ermuntern wir unsere Mitgliedsunternehmen, Studierende stärker zu fördern. Stipendienprogramme, Praktika und Bachelor- und Masterarbeiten für alle Fachbereiche sollten intensiver angeboten werden. Wir erhoffen uns dadurch und durch eine weiterführende Kooperation mit den Hochschulen, dass die regionale Wirtschaft als potentieller Arbeitgeber stärker in den Fokus der Studierenden rückt.

Darüber hinaus sollten die Kammern Schnittstellen schaffen, welche in engen und direktem Austausch mit den Hochschulen und Unternehmen stehen, um bei Forschungs- bzw. Praktika- und Stellenangeboten zeitnah reagieren zu können. Die Beratung unserer Mitgliedsunternehmen zu Forschungs- und Förderprogrammen steht dabei im Mittelpunkt unserer Bemühungen, um den Wissenstransfer zu ermöglichen.

mdw: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Wirtschaft in Sachsen-Anhalt verärgert. Das Förderprogramm „MobilPro", mit dem die Ausbildung von europäischen Jugendlichen in Deutschland unterstützt wird, läuft aus. Dabei hat sich Merkel noch auf dem diesjährigen Neujahrsempfang der IHK Magdeburg innerhalb des CDU-Wahlkampfes für eine Verlängerung des Programms ausgesprochen. Was halten Sie von der Kehrtwende der Bundeskanzlerin?

 
Wolfgang März: Ich bin enttäuscht. Seit zwei Jahren setzt die Industrie- und Handelskammer Magdeburg verschiedene Projekte zur Gewinnung ausländischer Fachkräfte und Auszubildender um. Mit Hilfe des Förderprogramms MobiPro-EU haben wir bisher sehr gute Ergebnisse erzielt. In Sachsen-Anhalt sind in den Jahren 2014 bis 2016 rund 430 Auszubildende unter anderem aus Spanien, Bulgarien, Portugal, Slowenien und Italien dem Bedarf unserer Unternehmen entsprechend zielgenau vermittelt worden – davon allein rund 300 junge Menschen im Bezirk der IHK Magdeburg. Das sind Beispiele für eine gelungene berufliche wie private Integration von hochmotivierten ausländischen Jugendlichen, die sich bewusst für Sachsen-Anhalt und für ein einheimisches Unternehmen entschieden haben. In diesem Sinne appelliere ich an die Bundesregierung, die über Jahre aufgebauten und erfolgreich funktionierenden Strukturen weiter finanziell zu unterstützen.

 
mdw: Ein Wort zum Schluss aus aktuellem Anlass. In Sachsen-Anhalt regiert seit Kurzem eine schwarz-rot-grüne Koalition. Bisher ein einmaliges politisches Gebilde in Deutschland. Welche Erwartungen hat die IHK Magdeburg an die neue Landesregierung?

 
Wolfgang März: Wir brauchen in den kommenden fünf Jahren eine stabile und verlässliche Wirtschaftspolitik. Dazu gehört unter anderem, dass für Sachsen-Anhalt schnellstmöglich eine digitale Agenda erarbeitet werden sollte, die insbesondere den Fahrplan für Maßnahmen in den Bereichen Infrastruktur, Datensicherheit, E-Gouvernement, Schule sowie Aus- und Weiterbildung zum Inhalt hat. Der Breitbandausbau ist dringend erforderlich, um die sachsen-anhaltische Wirtschaft nicht zu benachteiligen. Bis spätestens 2018 müssen im Land flächendeckend leistungsfähige Breitbandanschlüsse mit mindestens 50 Mbit/s verfügbar sein. Die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes wird maßgeblich durch dessen Leistungsfähigkeit der Infrastruktur mitbestimmt. Dies gilt nicht nur für die technisch-technologische Infrastruktur, sondern auch für die Verkehrsinfrastruktur. Hier muss wieder spürbar mehr investiert werden.

 
mdw: Glauben Sie, dass durch diese Konstellation das größte Autobahnstraßenbauprojekt in den neuen Ländern, die Verlängerung der A 14 von Magdeburg nach Schwerin, eher befördert oder verlangsamt wird?

 
Wolfgang März: Die Planungen sind so weit fortgeschritten, dass an der Nordverlängerung der A14 kein Weg vorbei führt.

 Mit Wolfgang März sprach Chefredakteur André Wannewitz

erschienen in der mdw-Ausgabe Mai/Juni 2016