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mdw ist ihnen begegnet

Von Chefredakteur André Wannewitz

Heute, 25 Jahre nach der deutschen Einheit, erfreut sich der ostdeutsche Schäferhund größerer Beliebtheit als der auf Schönheit gezüchtete „Schäferhund West“. Das berichtete der Mitteldeutsche Rundfunk zum Republik-Geburtstag. Denn der ostdeutsche „Rex“ sei mit seinem geraden Rücken viel gesünder und robuster. Deshalb kämen heute sogar Amerikaner zu Hundezüchter Mario Jessat ins Altenburger Land. Er hat auch eine Erklärung dafür, warum Menschen und Tiere so ein inniges Verhältnis haben: „Für eine Handvoll Futter kriegst du so viel Liebe – das ist doch das beste Geschäft, dass die Menschheit je gemacht hat.“

In Leipzig, angeblich Deutschlands beliebtester Hundestadt, ist inzwischen ein ganzer Wirtschaftszweig mit dem Wohlergehen der Vierbeiner beschäftigt. Von Internetshops, die individuelles Hundefutter vertreiben, bis hin zur maßgeschneiderten Hundephysiotherapie, die Hüftleiden lindert. Fast 4 Milliarden Euro zahlen die Deutschen jährlich für Tierfutter, Zubehör und Tierarzt-Besuche. Vor allem die Ostdeutschen, heißt es beim MDR.

Auch Günther Krause, der heimliche ostdeutsche Kanzler der Einheit, ist ein Hundefreund. Zwei davon, ein aus Spanien importierter Russel-Terrier, und sein Riesenschnauzer Oskar, bewachen sein Privat- und Firmengrundstück im brandenburgischen Kirchmöser. Jeder, der dahin zu Besuch kommt, wird zuerst von den beiden mit lautem Gebell und anschließend vom Hausherren persönlich begrüßt.

Krause war knapp 37 Jahre alt, als er auf dem Zenit seines Lebens stand. Als Mitglied der letzten DDR-Regierung unterschrieb er am 31. August 1990 gemeinsam mit seinem BRD-Partner Wolfgang Schäuble den Vertrag zur Deutschen Einheit, den beide und ihre Delegationen zuvor ausgehandelt hatten. Krause selbst scheint mir heute, ein Vierteljahrhundert danach, der einzige zu sein, der den Einigungsvertrag aus dem Effeff kennt. Es sei nicht alles so umgesetzt, wie damals beschlossen, etwa im Gesundheitswesen oder  zum Wirtschaftsgeflecht der DDR-Kombinate zur Sowjetunion. Aber: „Deutschland hat auch vieles vom Osten übernommen. Krippen, Kindergärten, Abitur in zwölf Jahren – das hatten wir alles schon in der DDR.“

2012, zum zehnjährigen Bestehen dieses Magazins, gaben mir Krause und Schäuble ein langes gemeinsames Interview. Für Schäuble selbst war das nach 2002 und 2008 bereits der dritte große Dialog mit mdw. „Ihr konntet ja vor der Einheit immer nur in eine Richtung in den Urlaub fahren, jetzt in die ganze Welt“, sagte er mir einmal. Recht hat Schäuble, aber mit der Einschränkung, dass die früheren DDR-Bürger zuhauf diese Chance wahrnahmen, in den 40 Jahren die sozialistischen Länder zu bereisen, während sie sich seit 1990 auf den Rest der Welt konzentrieren können.

Im Januar 2003 traf mdw den Mann, der gemeinhin als Architekt der deutschen Einheit  gilt: Egon Bahr. Er handelte mit der DDR den Grundlagenvertrag aus, der ab 1972 bis 1989 die Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten regelte. Mit seiner fast zum geflügelten Wort gewordenen Maxime, Wandel durch Annäherung zu betreiben, war Bahr stets um Kontinuität in den deutsch-deutschen Beziehungen bemüht. Und hat aktiv teilgenommen an der Überwindung der Zweistaatlichkeit. Im Gespräch mit mdw sagte Bahr: „Niemand rechnete  mit dem Untergang der Sowjetunion, dem starken Auftreten und dem Durchsetzungsvermögen der ehemaligen DDR-Bürger im Wendeherbst 1989.“ Bahr zeigte sich sicher, dass der 9. November 1989 auch für die Geheimdienste nicht vorhersehbar war. „Alle waren völlig unvorbereitet auf diese rasante Entwicklung und ohne Pläne, wie es weitergehen sollte.“

Derjenige bundesdeutsche Politiker, der mit den Entwicklungen in der DDR im Sommer und Herbst 1989 emotional am meisten auf die Menschen hüben wie drübten wirkte, war ohne Zweifel der damalige Bundesaußenminister und Vizekanzler Hans-Dietrich Genscher. Mit seinem Satz auf dem Balkon der Prager Botschaft: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise...“ hat der in Halle an der Saale geborene FDP-Politiker nicht nur die damals dort campierenden DDR-Flüchtlinge in eine gute Zukunft geführt. Sondern Genscher hat die 2+4-Verhandlungen zum Vertrag über die abschließende Regelung in bezug auf Deutschland gemeinsam mit seinem sowjetischen Amtskollegen Eduard Schewardnadse zur diplomatischen Meisterleistung werden lassen. mdw war in den letzten Jahren in Prag dabei, als ehemalige DDR-Flüchtlinge im Palais Lobkowicz zusammen mit Genscher Erinnerungen an den 30. September 1989 austauschten.

Und Genscher war es, der mir 2014 für ein mdw-Zeitzeugengespräch zur Verfügung stand. „Der Kniefall Willy Brandts stand am Anfang einer neuen deutschen Außenpolitik“, sagte er gegenüber mdw. „Ich hatte die Ehre, mit drei bedeutenden Bundeskanzlern zusammen arbeiten zu dürfen. „Mit dem Kniefall begann eine Politik, die in der Einheit mündete. Die Ereignisse in Prag signalisieren eine wichtige Stufe dieser Politik.“

Das Foto mit den drei ganz Großen auf dieser Welt, durch deren Einigkeit die Einheit überhaupt erst möglich wurde, entstand zur Zehnjahresfeier des Mauerfalls 1999 im Berliner Hotel Adlon, an der ich teilnehmen durfte. Helmut Kohl für Deutschland, Michail Gorbatschow für die damalige Sowjetunion und George Bush (Sen.) für die USA haben 1989 die Gunst der Stunde genutzt, eine neue politische Ordnung auf dieser Welt zu etablieren. Gorbatschow hat sich in den letzten 25 Jahren mehrfach zur Wiedervereinigung geäußert. Aus seiner Sicht sei sie unvermeitlich gewesen, auch bei rechtzeitigen Reformen in der DDR. „Die Wiedervereinigung hätte es irgendwann trotzdem gegeben, wenn auch in anderer Form.“

Und George Bush, der seit 1999 Ehrenbürger Berlins ist, unterstützte ohne Zögern die deutsche Vereinigung gegen Bedenken aus Paris und London. „Wir haben uns sehr bemüht, in der Debatte um die Wiedervereinigung einen konstruktiven Ton anzuschlagen und unseren Willen zur Zusammenarbeit zu signalisieren. Wir wollten auf keinen Fall, dass die Wiedervereinigung und ein neues, geeintes und freies Europa auf Kosten anderer Nationen gehen. Ost und West sollten gleichermaßen daran beteiligt sein. Uns war bewusst, dass es bei den anstehenden Veränderungen keine Gewinner und Verlierer geben durfte“, sagte Bush vor rund einem Jahr in einem Interview der Deutschen Welle.

Helmut Kohl habe ich von allen mir begegneten Machern der deutschen Einheit am längsten und aus nächster Nähe erlebt. Als Journalist und Medienbeobachter verbrachte ich die 13. Legislaturperiode des Deutschen Bundestages zwischen 1994 und 1998 in Bonn. Am tiefsten beeindruckt war ich in dieser Zeit von zwei Persönlichkeiten, die sich ganz besonders für mein Leben als junger Mensch in der DDR interessierten und die mir lange zuhörten: 1995 lud mich Kohls langjähriger Kommunikationschef und Kanzlerberater Eduard Ackermann in sein Privathaus in Bonn ein; und 1997 war es Christiane Herzog, die verstorbene erste Frau von Bundespräsident Roman Herzog, die mit mir auf der Terrasse der Villa Hammerschmidt mit herrlichstem Blick über den Rhein über die Wiedervereinigung plauderte. Aber nicht nur darüber: Ich war überwältigt von diesem zwangslosen Gespräch, weil sie auch so viel wissen wollte über Hintergründe, über Motive, auch über persönliche Schicksalsschläge, die das Leben für mich in der DDR ausmachten.

Angela Merkel, die als erste Ostdeutsche 2005 als Kanzlerin die Bundesregierung übernahm und die heute schon länger im Amt ist als Konrad Adenauer, glaubt, „dass in meinem Kopf die deutsche Einheit recht gut gelungen ist“. Sie räumt aber auch ein: „Es gibt Menschen, die konnten ihre Chancen und ihre Hoffnungen nicht verwirklichen.“ Die Arbeitslosigkeit sei sehr drückend gewesen. Viele Menschen hätten zu DDR-Zeiten einen Beruf gelernt, für den es „keine Verwendung“ mehr gegeben habe. „Das hat schon manche Menschen traurig gemacht.“