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Liebe Leser,

soll Papst Franziskus zum Reformationsjubiläum 2017 nach Deutschland, insbesondere nach Sachsen-Anhalt, eingeladen werden oder nicht? Wenn es nach Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) ginge, hätte er als Katholik seinem Kirchenoberhaupt wohl unlängst schon die Einladung überbracht, als Franziskus ihn zu einer Privataudienz in Rom empfing.

 

Ja, in der evangelischen Kirche gebe es Überlegungen, den Papst 2017 in Deutschland zu begrüßen. Dafür sprach sich etwa der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bayerns Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, aus. Als EKD-Vorsitzender dürfen jedoch weder er noch der amtierende sachsen-anhaltische Regierungschef einladen. Das allein obliegt dem Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland. Und ob Joachim Gauck das tut, wird sicher auch damit zusammenhängen, welche Ziele man mit der Teilnahme des Papstes am evangelischen Reformationsjubiläum erreichen wolle. So sieht das zum Beispiel der Leitende Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Gerhard Ulrich, der geraten hat, diese Frage zunächst vor einer solchen Einladung zu klären. Auch die mitteldeutsche Landesbischöfin Ilse Junkermann äußerte sich skeptisch. „Ich befürchte, dadurch könnten wieder zu hohe ökumenische Erwartungen geweckt werden, die man nicht erfüllen kann", sagte sie unter Hinweis auf den Besuch von Papst Benedikt XVI. 2011 in Erfurt. Es habe „nachher viele Enttäuschungen gegeben", so Junkermann.

Doch Haseloff wäre nicht Haseloff, würde er nicht doch noch versuchen, sich selbst in den Zenit der bundespolitischen Macht zu heben. Wie Radio Vatikan berichtete, lud Haseloff den Papst doch nach Deutschland ein – zwar nicht zum anstehenden 500-Jahr-Gedenken des Reformationsbeginns in zwei Jahren, sondern zum 25. Jubiläum der deutschen Wiedervereinigung. Schließlich habe Franziskus-Vorgänger, der aus Polen stammende Johannes Paul II., entscheidend zum Fall der Mauer beigetragen.

War das wirklich so? Haben die katholische Kirche und Johannes Paul II. beim Zerfall des Sozialismus maßgeblich mitgewirkt? Dass der damalige Papst einen Anteil am Zusammenbruch des Sozialismus hatte, wird von keinem Historiker bestritten. Doch worin bestand sein konkreter Beitrag? 2011 jedenfalls bescheinigte der Osteuropa-Experte Gerd Stricker in einem Interview mit „glaubenslust – der Tag", das Wirken des Papstes habe den Kollaps des Regimes in Polen 1980 unbestritten mit ausgelöst. „Den restlichen Ostblock betreffend muss man sagen, dass Johannes Paul II. zwar die katholischen Kirchen gestärkt hat, aber mit Ausnahme von Polen, Litauen und Ungarn waren diese rein zahlenmäßig zu schwach, als dass sie wesentlich zum Zusammenbruch der kommunistischen Regime hätten beitragen können."

Abgesehen davon, dass meines Erachtens auch zum 25. Staatsjubiläum der deutschen Einheit nur der gewählte Bundespräsident das Recht hat, Staatsoberhäupter anderer Länder einzuladen und Gauck sich diesen Anspruch auch nicht durch einen Provinzgouverneur in Ostdeutschland nehmen lassen sollte, halte ich einen Besuch von Franziskus aus diesem Anlass für deplaciert. Jorge Mario Bergoglio aus Argentinien ist, das gebe ich als Atheist gerne zu, für mich der würdigste und geeignetste Papst, den die Katholiken in jüngster Zeit zu ihrem Kirchenoberhaupt haben wählen können. Dennoch sind und bleiben es vor allem und zuerst die politischen Verdienste von Präsident Michail Grorbatschow, Präsident George Bush und Bundeskanzler Helmut Kohl, dass die Deutschen in Ost und in West seit dem 3. Oktober 1990 wieder gemeinsam in Freiheit und Einheit leben können.

In diesem Jahr finden die Feiern zum 3. Oktober in Frankfurt/Main statt. Mein Ruf an Gauck und Merkel: Vergessen Sie die wirklichen Protagonisten der Einheit nicht! Die haben sich 1990 um eine neue Weltordnung verdient gemacht.

 

Ein herzliches Glück auf!

André Wannewitz